Das Flehen der Toten - Leseprobe

Prolog

 

Sie hatte nicht geträumt. Aber hatte sie überhaupt geschlafen?
Sie blinzelte und öffnete die Augen. Um sie herum nur Dunkelheit, undurchdringliche Schwärze. Unwillkürlich wollte sie den Kopf heben. Ihre Stirn schlug gegen etwas Festes.
»Au«, sagte sie, versuchte sich an die schmerzende Stelle zu langen, doch ihre Arme wollten ihr nicht gehorchen. Sie wurden festgehalten.
Wieder blinzelte sie, um etwas in ihrer Umgebung zu erkennen.
Finsternis.
Sie bewegte ihren Körper – zunächst behutsam, dann ruckartig und heftig. Ständig stieß sie dabei an Hindernisse. Sie war eingezwängt in eine Art dünne, unflexible Röhre.
Jetzt hatte sie eine Hand frei. Sie fasste nach oben, zwanzig, vielleicht dreißig Zentimeter. Erneut ein Widerstand. Sie fuhr darüber hinweg.
Holz.
Nein, ein Brett.
Nein, mehrere Bretter nebeneinander.
Sie neigte sich zur Seite, soweit es ihr möglich war. Sie bekam ihre zweite Hand frei. Auch mit ihr tastete sie über das Holz, das sie umgab,
… das sie
… das sie
einschloss! Der Gedanke zuckte wie ein Blitz durch ihr Gehirn.
Sie ballte die Hände zu Fäusten und begann mit ihnen zu trommeln – nach oben, nach links und nach rechts. Überall das Gleiche. Überall dieselben Bretter.
Sie stoppte. Und dann begriff sie: Sie befand sich in einer Kiste. In einer langen, schmalen Kiste, die sich nach unten verjüngte. Sie war eingesperrt, niemand würde ihre Schreie hören, niemand würde ihr zur Hilfe eilen.
Und wieder hämmerte eine Erkenntnis auf sie ein. Keine Kiste. Ein Sarg. Ihr Sarg. Sie war dazu verdammt, darin zu sterben. Die Luft würde ihr ausgehen, wenn sie nicht verdursten oder verhungern würde.
Sie schrie und kreischte so laut sie konnte. Sie kratzte über das Holz, ohne zu spüren, wie ihre Nägel abbrachen, ihre Fingerkuppen einrissen, und sie ihr eigenes Blut von innen über den Deckel schmierte. Voller Verzweiflung kämpfte sie, warf sich hin und her, versuchte zu treten, benutzte ihre Ellenbogen.
Irgendwann versiegte ihre Kraft. Ihre Stimme wurde heiser. Schließlich gab sie keinen Laut mehr von sich und fiel zurück in ihre ursprüngliche Position.
Alles was sie hörte war ihr Atem – hechelnd, keuchend, wie der eines verletzten Tieres. Und dann wurde auch der leiser.
Sie beschloss, an etwas anderes zu denken. Sie beschloss, sich die Sonne vorzustellen, sich an deren Licht und Wärme zu erinnern. Sie beschloss, sich Menschen in ihr Gedächtnis zurückzurufen, die sie kannte und liebte.
Vergeblich. Stattdessen diese unendliche Nacht.
Sie konnte nicht sagen, wie lange sie dalag – vollkommen erschöpft nach diesem sinnlosen Kampf. Ein Geräusch ließ sie aufschrecken. Lautes Hämmern erklang von außen. Die Schläge ließen die Kiste erzittern. Ein durchringendes Quietschen folgte. Wieder diese Schläge und dann erneut das Quietschen.
Jemand machte sich an dem Sarg zu schaffen, setzte ein Brecheisen an, lockerte die Nägel, und zog sie einzeln heraus. Sie wurde befreit. Jemand arbeitete systematisch daran, sie zu retten. Bald war dieser Alptraum vorüber. Sie würde hier herauskommen.
Sie konnte es nicht erwarten. Das Hämmern setzte sich fort. Die Schläge dröhnten in ihren Ohren, aber es machte ihr nichts aus. Stattdessen lachte und schluchzte sie zugleich, voller Dankbarkeit und Erleichterung.
Die Geräusche verstummten.
Sie wartete auf das Heben des Deckels. Sie wartete darauf, dass irgendetwas geschah.
Nichts.
Stille.
Sie stützte beide Handflächen gegen die Holzplatte über ihrem Kopf und presste dagegen. Zunächst erfolglos. Dann, zuerst widerstrebend und schließlich immer leichter, bewegte sich der Deckel. Mit einem energischen Stoß drückte sie ihn vollends hoch. Er fiel zur Seite weg und krachte auf den Boden.
Rings um sie Schwärze – kein Punkt, an dem sich ihre Augen hätten festhalten können.
Ruckartig richtete sie sich auf. Zu ihrer Linken entdeckte sie die Andeutung von Helligkeit. Sie blickte genau hin, und das Licht wurde deutlicher. Umrisse schälten sich heraus.
Jetzt konnte sie eine Person sehen, nicht weit von ihr entfernt. Ein Mann, dunkel gekleidet.
Ihr Blick fiel auf seinen Kopf. Das Gesicht blieb verschwommen. Doch aus der Stirn des Mannes schien etwas herauszuwachsen. Zwei Gegenstände bogen sich seitlich in die Höhe …
Hörner.
Sie hatte die Abbildung dieses Wesens schon oft gesehen. Das Wesen war ihr vertraut. Sie kannte es seit ihrer frühesten Kindheit. Das war kein Mensch, der dort vor ihr stand, und sich jetzt langsam und zielstrebig auf sie zubewegte. Das war eine Kreatur, die den Menschen, denen sie begegnete, Leid, Vernichtung und Tod brachte.
Nein, das konnte nicht sein! Das war unmöglich!
Wieder schrie sie. Mit heiserer Stimme. In dem Wissen, dass sie auch diesmal niemand hören würde und dass ihre Qual jetzt erst begann. 

1
 
Ein Weg bedeckt mit weißem Schotter. Rings um mich Grün. Zuerst Wiesen, dann Büsche und Laubbäume, jedoch um diese Jahreszeit noch kahl. Trotz des sonnigen Wetters, das die letzten Tage angehalten hatte, waren an den Ästen nicht mehr als zaghafte Knospen zu sehen.
Ich erreichte den Wald. Hohe, dunkle Tannen versperrten die Sicht. Kein Autolärm, keine Menschen, nur ich und die schier endlos scheinende Strecke.
Der Schotter ging in festgetretene Erde über, durchzogen mit Wurzelwerk. Dumpf trafen meine Füße auf den Boden. Noch war es einfach zu laufen.
Jetzt führte die Strecke stetig bergan. Es ist ein großer Unterschied, ob man in der Ebene läuft, oder eine Steigung nehmen muss. Und diese Steigung hatte es in sich. Meine Schritte wurden kürzer, meine Lunge schmerzte, ich atmete tief und stoßweise.
Es dauerte eine Zeitlang, bis ich mich an die zusätzliche Anstrengung gewöhnte. Ich zwang mich dazu, mehr Tempo aufzunehmen. Zunächst rebellierte mein Körper, lehnte sich gegen die Belastung auf, aber ich gönnte mir keine Pause und trieb mich weiter voran.
Eine Kurve lag vor mir, dann noch eine. Ich erreichte eine Hochebene. Der Blick von hier aus war zwar nicht grandios, aber doch ansprechend. Kleine Hügel duckten sich ineinander, dicht bewachsen mit dunkelgrünen, manchmal fast schwarzen Wäldern. Dazwischen schmiegten sich Dörfer an die Abhänge, einzelne Gehöfte, verstreut in der Landschaft. Von meiner Position konnte ich keine Straßen erkennen. Die Natur breitete sich vor mir aus, soweit mein Auge reichte.
Links von mir entdeckte ich eine rund zwei Meter hohe, quadratische Säule am Wegesrand. Ich joggte hin. Die Säule war aus Sandstein gefertigt, und ihrem Zustand nach zu urteilen, sicherlich schon sehr alt. Ich unterbrach meinen Lauf, um sie mir näher anzusehen.
Vor Jahrhunderten hatte sich ein Steinmetz viel Mühe gegeben und zahlreiche Verzierungen in die Oberfläche gemeißelt. Die Witterung hatte sie mit der Zeit nahezu verschwinden lassen.
Ich wollte schon weiterjoggen, da erregte eine einzelne Abbildung meine Aufmerksamkeit. Ich betrachtete sie eingehender. Was ich sah, hatte Ähnlichkeit mit dem Kopf eines Menschen. Der Regen hatte die Konturen aus dem Sandstein gewaschen. Was von dem Gesicht übrig war, erinnerte an eine böse, feixende Fratze. Dieser Eindruck wurde durch zwei Furchen verstärkt, die auf beiden Seiten der Stirn begannen und sich in einem sanften Bogen nach oben fortsetzten, bis sie sich im Stein verloren. Die Rillen wirkten beinahe wie Hörner, wodurch es mir so vorkam, als hätte ich einen Teufelskopf vor mir.
Ein Vogel begann zu zwitschern, und lenkte mich ab. Ich schaute auf, um ihn in den umliegenden Büschen zu suchen, fand ihn aber nicht. Ich hörte ihm eine Weile zu und überlegte mir, um welche Spezies es sich handelte. Und dann erinnerte ich mich daran, dass ich überhaupt nichts über diese Tiere wusste. Ich konnte gerade einmal dem Aussehen nach Amseln von Spatzen unterscheiden – mehr nicht. Aber das Lied, das dieser Vogel trällerte, klang wirklich nett.
Ich merkte, dass ich auf dem besten Wege war, auszukühlen. Ich rannte wieder los und ließ den Scheitelpunkt der Anhöhe hinter mir. Langsam führte mich der Pfad zurück nach unten.
Ein neues, sanftes Geräusch drang zu mir. Das Plätschern von Wasser. Bald lief ich mit ausladenden Schritten parallel zu einem Fluss. Kleine Stromschnellen, Schilf am Ufer, sogar ein paar Enten. Idylle pur.
Weiter vorn erblickte ich einen Traktor. Er stand neben einer Art Reuse. Ein Metallgitter war quer über den Fluss gebaut, um Äste und andere Dinge herauszufiltern. Anfangs konnte ich niemanden entdecken. Dann sah ich, dass neben dem Traktor ein Mann auf dem Boden kniete. Er presste sich die Hände gegen den Leib, den Kopf hatte er von mir abgewandt.
Er bemerkte mich erst, als ich mich nur noch wenige Schritte hinter ihm befand. Er drehte sich zu mir um. Ein älterer Mann, vielleicht Ende fünfzig, in einer blauen Latzhose. Sein Gesicht war bleich, und seine Augen wirkten verstört.
»Alles in Ordnung?«, fragte ich.
Der Mann sah mich mit einem stumpfen Ausdruck an, fuhr sich über den Mund, und rieb seine Hand anschließend am Oberschenkel ab. Mir wurde bewusst, warum er das tat. Vor ihm breitete sich eine Lache mit gelblich-weißer Substanz aus, die feste Bestandteile enthielt. Er hatte sich gerade übergeben.
»Alles in Ordnung?«, wiederholte ich. »Ist Ihnen schlecht?«
Der Mann antwortete zunächst erneut nicht. Dann meinte er: »Ich wollte die Reuse säubern.«
Vom Laufen ging mein Atem schnell. Ich stützte die Arme in die Seiten. »Sie haben die Reuse gesäubert?«
»Ja. Und da…« Er wies in Richtung des Metallgitters, vermied es aber, seinen Kopf dorthin zu drehen.
»Und? Was ist mit dem Metallgitter?«
»Ich habe etwas gefunden. Ich … ich dachte zuerst, es sei ein Strauch. Ein großes Knäuel hatte sich gebildet und ich habe die Äste weggezogen. Und … es ist eine Frau.«
»Eine Frau?« Mit einem Mal vergaß ich die Natur, die uns umgab. Eine dunkle Vorahnung erfüllte mich.
»Was sagten Sie?«, wiederholte ich. »Eine Frau?«
»Ja. Sie muss weiter oben in den Fluss gefallen sein, und ist ertrunken. Und hier«, diesmal bewegte er den Kopf in Richtung der Reuse, jedoch ohne hinzublicken, »hier ist sie hängen geblieben.«
»Haben Sie versucht, die Frau herauszuziehen?«
»Nein, ich kann das nicht. Und ich gehe da nicht nochmal hinein.«
Ich musterte ihn eingehend, und wie um seine Worte zu unterstreichen, würgte er erneut.
»In Ordnung«, sagte ich. Ich langte in die Tasche meiner Joggingjacke und reichte ihm mein Handy. »Sie wissen, wie das funktioniert. Wählen Sie den Notruf. Geben Sie Ihre Position durch und sagen Sie, es soll sofort ein Notarzt kommen.«
»Wieso ein Notarzt? Die Frau ist auf alle Fälle tot. Und wahrscheinlich schon länger.«
»Jemand muss aber den Tod und die Todesursache offiziell feststellen.«
Der Mann zuckte hilflos mit den Schultern. »Ertrunken, die Frau ist ertrunken.«
»Also. Rufen Sie jetzt an?«, fragte ich und streckte ihm das Handy noch weiter entgegen.
Der Mann nickte und nahm das Telefon.
Ich wartete nicht darauf, was er tat, sondern ging hinunter zum Fluss. Das Wasser schien nicht sehr tief. Vielleicht sechzig, maximal siebzig Zentimeter. Ich entdeckte auch sofort das Treibholz, das sich an dem Metallgitter angesammelt hatte.
Ich öffnete den Verschluss meiner Schuhe, stellte sie zur Seite, bevor ich die Socken auszog und meine Jogginghose nach oben krempelte, soweit es ging. Ich begann, in den Fluss zu steigen. Wir hatten Anfang März. Trotz der Sonne war das Wasser eiskalt. Es brannte an meinen Beinen wie Feuer, und ich musste mich zwingen weiterzugehen. Schrittweise näherte ich mich dem Zaun.
Ich ergriff einige Äste, zog sie zur Seite, und da war sie. Eine Frau. Jung. Anfang zwanzig. Angespült, wie ein Stück Holz. Ihr Gesicht war vor mir verborgen, ihr Körper durch die Strömung grotesk verkrümmt. Blaue Jeans, eine Funktionsjacke, an den Füßen halbhohe Stiefel.
Vorsichtig streckte ich meine Hand aus und berührte sie. Kein Leben, keine Reaktion. Schon lange hatte der Tod diese Frau mit sich genommen.
Ohne weiter zu zögern, packte ich sie an der Jacke, und zog die Leiche zu mir hin. Das Geäst wollte die Frau nicht freigeben. Ich kämpfte eine Zeitlang mit der Strömung und den widerspenstigen Zweigen. Dann hatte ich den Körper befreit und brachte ihn rückwärtsgehend mit mir zum Ufer.
Der Himmel über mir war blau. Große, weiße Wolken hingen schweigend darauf. Die Strahlen einer Wintersonne beleuchteten sie, brachten ihre Konturen effektvoll zum Schimmern.
Ich hatte das Ufer erreicht. Das Wasser half mir nicht mehr dabei, den Leichnam zu tragen. Mit einem Mal erschien er mir sehr schwer. Fast schaffte ich es nicht, die Tote auf die Wiese zu zerren.
Keine fünfzehn Schritte entfernt stand der Traktor. Der Bauer hatte sich inzwischen erhoben und sprach in mein Handy. Allerdings konnte ich nicht verstehen, was er sagte. Ich richtete mich auf, wischte mir die Haare aus der Stirn, bevor ich mich zwang, nach unten zu sehen.
Die Frau lag auf dem Bauch. Ohne genau zu wissen, warum ich das tat, packte ich sie und drehte sie auf den Rücken. Ihre Augen waren blicklos und weiß, die Pupillen fast nicht mehr sichtbar. Und sie war definitiv nicht ertrunken. An ihrem Hals klaffte eine große Wunde.
Ich sah auf ihre Hände, die mir bislang verborgen gewesen waren. Sie waren auf seltsame Art mit einem Elektrokabel aneinandergefesselt, sodass die Innenflächen aufeinanderlagen – in einer Geste des Bittens, als würden sie um Erlösung flehen.
Die Finger selbst waren blutig, die Kuppen wund, die Nägel eingerissen.
Der Körper, der vor mir lag, war kein Mensch mehr. Keine Frau. Nicht mehr die geliebte Tochter einer Mutter, nicht mehr die lustige Freundin von nebenan. Nur noch totes Fleisch, ein paar Knochen, umhüllt von verschmutzter und durchnässter Kleidung.
Ich beugte mich zu ihr herab und strich ihr die Lider nach unten. Die Zeit im Wasser hatte das Gewebe aufquellen lassen, und es dauerte, bis mich das milchige Weiß ihrer Augen nicht mehr festhielt.
Ich ließ sie zurücksinken und untersuchte die Wunde an ihrem Hals genauer. Kein Unfall. Ein Schnitt, von links oben nach rechts unten geführt – vermutlich mit einem Messer oder einem Dolch.
Ich erhob mich und vernahm ein Motorengeräusch. Ein weißer Bus, auf dessen Seite ein großes, rotes Kreuz gemalt war, fuhr den Weg entlang, auf dem ich vorhin gelaufen war.
Der Notarzt kam.

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