Das Haus der Toten - Leseprobe



1


Ich wartete.
Ich saß auf einem Plastikstuhl, in einem verlassenen Gang. Weiter vorn konnte ich ein Fenster erkennen, durch welches das Tageslicht flächig und grau hereinbrach. Niemand war zu sehen, ich schien der einzige Mensch in diesem Gebäude zu sein.
Quietschend öffnete sich eine Tür. Zwei Ärzte in weißen Kitteln tauchten auf. Sie liefen einige Meter auf mich zu, dabei klapperten ihre Birkenstock-Clogs auf dem Linoleum. Dann hielten sie abrupt an und verschwanden in einem anderen Zimmer.
Wieder Stille.
Eigentlich hätte ich jetzt nachdenken können. Über das, was in den letzten Wochen geschehen war. Doch da diese Ereignisse nicht angenehm waren, verdrängte ich sie aus dem Kopf. Das hatte ich schon vor Jahren gelernt. Keine Gedanken, keine Sorgen. Einfach nur dasitzen und warten.
Ich horchte auf meinen Atem, konzentrierte mich darauf, die Muskeln zu entspannen. Wenn man diese Technik einmal beherrscht, kann man sich damit wunderbar erholen.
Eine weitere Tür ging auf. Wieder ein Mann in einem weißen Kittel. Er trug eine Brille mit schwarzem Gestell. Und um davon abzulenken, dass er eine Glatze bekam, hatte er das, was von seinen blonden Haaren übrig war, millimeterkurz geschnitten.
Er stierte in meine Richtung. Seine Augen wurden durch die Brillengläser überdeutlich vergrößert und wirkten wässrig.
»Frau Steinbach?«, sagte er.
Ich nickte, bevor ich anfügte: »Ja.«
»Sie können jetzt hereinkommen.«
Ich erhob mich.
Er blieb stehen, bis ich eingetreten war, und schloss die Tür hinter mir.
Eine Art Behandlungsbereich, in der Mitte ein stählerner Tisch. An den Wänden Glasschränke mit verschiedenem medizinischem Besteck. Es roch nach Formaldehyd und Antiseptika. Wie hatte ich das vermisst.
»Wo soll ich hin?«, fragte ich.
»Da entlang.« Er wies auf einen Durchgang.
Ich lief in die Richtung, in die er gezeigt hatte. Ein zweiter Raum, eher ein Saal, erwartete mich – in dessen Mitte erneut ein chromglänzender Tisch, an den Wänden die obligatorischen Schränke, und mir direkt gegenüber ein Mann in einem Rollstuhl.
Satorius.
Er lächelte, als er mich erblickte.
»Hallo Anne«, sagte er.
»Prof«, gab ich zur Antwort und musste mich zurückhalten, um nicht zu ihm zu rennen und mich ihm an den Hals zu werfen. Nur mit größter Beherrschung gelang es mir, in normaler Geschwindigkeit zu ihm zu gehen.
Bei ihm angekommen, beugte ich mich zu ihm herab. Plötzlich wusste ich nicht mehr, was ich tun sollte.
Er langte nach oben, und zog mich zu sich. Lange hielt er mich fest. Das tat wirklich gut.
Er ließ mich los, und ich richtete mich auf.
»Schön, dich zu sehen«, sagte er.
»Ebenfalls«, erwiderte ich.
»Allerdings sind die Umstände … nun, das kannst du dir ja denken.«
Schritte erklangen, und der nahezu kahlgeschorene Arzt von vorhin gesellte sich zu uns.
»Du und Herr Dr. Gnad habt euch schon bekanntgemacht?« Satorius deutete auf den Neuankömmling.
Dr. Gnad wirkte verlegen. »Entschuldigen Sie, Frau Steinbach, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe, aber ich war völlig in Gedanken.« Er trat zu mir, die Hand ausgestreckt. Er hatte zierliche, fast zerbrechliche Finger, doch sein Griff war fest und entschlossen.
Ich lächelte ihn an, und sein Gesicht zuckte, als er versuchte, mir meine Freundlichkeit zurückzugeben. »Ich hatte das Vergnügen, beim Professor zu studieren. Und … da Herr Satorius ein persönliches Interesse an dem Fall hat, habe ich ihn um fachliche Assistenz gebeten.«
Überrascht blickte ich zu Satorius. Der zog die Augenbrauen kaum merklich in die Höhe. »Das kannst du natürlich noch nicht wissen. Der Kirche ist ein Haus vermacht worden.«
»Das ist doch nichts Besonderes«, sagte ich.
»Nein. Das geschieht häufiger. Aber das Haus wurde der Stiftung vermacht, der ich vorstehe.«
»Schön«, sagte ich.
»Unter normalen Umständen. Doch beim Ausräumen haben wir etwas gefunden.« Er deutete auf den Stahltisch, der sich wenige Schritte neben uns befand.
Ich drehte mich um. Ein blassgrünes Baumwolltuch deckte einige Gegenstände ab. Von früher wusste ich genau, was das zu bedeuten hatte.
»Vielleicht wollen Sie es sich einmal ansehen?«, sagte Dr. Gnad. Er ging zu dem Stahltisch, packte das Tuch und schaute fragend zu Satorius und dann zu mir. Als wir beide nickten, hob er die Abdeckung mit kräftigem Schwung hoch und zog sie weg.
Ein Mensch, bis auf die Knochen skelettiert. Fein säuberlich auf das glänzende Metall drapiert.
Beine, Becken, Rippen, Arme.
Keine Hände.
Die Stümpfe wiesen Scharten und kantige Schnitte auf. Jemand hatte die Hände mit einer Axt oder einem ähnlichen Werkzeug abgeschlagen.
Mein Blick glitt nach oben. Ein Totenschädel. Allerdings fehlten die Zähne. Dort, wo sie hätten sein müssen, nur ausgefranster Knochen. Sowohl Unter- als auch Oberkiefer mit deutlichen Bruchspuren.
»Was sagst du?«, fragte Satorius.
»Nun«, begann ich zögerlich. »Da wollte jemand verhindern, dass man die Leiche zuordnen kann. Deshalb wurden die Hände entfernt und die Zähne herausgebrochen.« Ich trat näher, um mich über den Tisch zu beugen. »Eine Identifizierung dürfte schwierig werden.«
»Schwierig, aber nicht unmöglich«, warf Dr. Gnad ein. »Denken Sie an die DNA-Analyse.«
»Da haben Sie recht, mein Lieber«, stimmte ihm Satorius zu. »Allerdings müssten wir dann wissen, mit wem wir die Verblichene in Beziehung setzen sollen. Dann könnte uns eine entsprechende DNA-Analyse tatsächlich weiterhelfen.«
»Du bist dir sicher, dass es sich um eine Frau handelt?«, fragte ich Satorius.
»Das Becken. Eindeutig eine Frau«, gab er mir zur Antwort.
»Wo habt ihr die Überreste gefunden?«
»In einer Kellernische, die früher wohl zum Lagern von Kohle genutzt wurde. Es wäre beinahe nicht aufgefallen. Unsere Arbeiter wollten eine Leitung verlegen. Dabei wurde die dahinterliegende Mauer beschädigt. Und sofort drang ein furchtbarer Geruch aus dem Spalt.«
»Eingemauert?«, wiederholte ich. »Die Gase haben sich vermutlich über die Jahre hinweg gesammelt.«
»Genau«, bestätigte Satorius. »Und als die Arbeiter hineinsahen, starrte ihnen der Totenschädel entgegen. Sie haben sofort die Behörden unterrichtet.«
»Die Leiche wurde nicht nur entstellt, sondern auch versteckt, um nicht gefunden zu werden«, fasste ich zusammen. »War irgendetwas bei der Toten? Kleidung, Schmuck?«
»Nein. Nichts. Allerdings befand sich an der äußersten Ecke der Nische ein Koffer. Er war separat eingemauert. Wenn du mal sehen willst…« Er drehte sich mit dem Rollstuhl um einhundertachtzig Grad und fuhr zur gegenüberliegenden Wand. Dort, auf einem weiteren, kleineren Stahltisch, lag ein schwarzes Gepäckstück.
Dr. Gnad und ich folgten ihm.
Ich blickte gebannt auf den Koffer. Er hatte Beschläge aus verrostetem Metall, und die Oberfläche war verdreckt.
»Wir haben ihn nicht säubern lassen«, sagte Satorius.
»Und was ist drin?«
»Das wissen wir nicht. Wir haben ihn noch nicht aufgemacht«, erwiderte Dr. Gnad.
»Nun«, meinte Satorius. »Jetzt ist Frau Steinbach da, und wir können es einmal versuchen.«
»Die Polizei hat nichts dagegen, wenn wir das ohne die Anwesenheit eines Beamten tun?«, vergewisserte ich mich.
Satorius schüttelte den Kopf. »Der Fall wurde Herrn Lambert zugeteilt und er meinte, wir sollten ruhig ohne ihn anfangen. Er hat noch etwas zu erledigen und kommt ein wenig später.«
Ich nickte. Ralf mochte Obduktionen und alles, was damit zusammenhing, überhaupt nicht. Wenn er es irgendwie vermeiden konnte, hielt er sich lieber fern.
Dr. Gnad ging zu einem Schrank und öffnete ihn. »Der Polizeibeamte, der mir den Koffer ausgehändigt hat, meinte, er sei abgesperrt«, sagte er dabei über seine Schulter hinweg.
Mit einer Art Bolzenschneider kam er zu uns zurück. Er inspizierte die Verschlüsse. »Billiges Zeug. Reines Blech.«
Er setzte das Werkzeug an einem der Schlösser an und knipste es durch. Scheppernd fiel ein Metallteil zu Boden. Ebenso verfuhr er mit dem zweiten Schloss.
»Sollen wir?«, fragte er, nachdem er sich aufgerichtet hatte.
»Sicher«, meinte Satorius.
»Und wenn eine Bombe drinnen ist?«
Satorius reagierte mit einer vagen Kopfbewegung. »Wer würde denn eine Bombe mit einer Toten einmauern? Niemals, das wäre absolut unlogisch.«
Dr. Gnad zögerte. Unschlüssig blieb er stehen.
Ich griff mir aus einer am Kopfende der Liege bereitstehenden Spenderbox Latexhandschuhe und streifte sie über. Anschließend trat ich vor und packte den Griff des Koffers. Zunächst passierte nichts. Der Deckel klemmte.
Ich probierte erneut, wackelte behutsam hin und her, und plötzlich öffnete sich der Koffer mit einem leisen Knarzen.
Ein vergilbtes Stück Stoff war das erste, was ich entdeckte. Ich musste mich überwinden, es zu packen und zurückzuziehen. Ein paar dünne Holzstückchen kamen zum Vorschein – grau und unscheinbar. Darüber befand sich ein farbloser Ball, der von seiner Größe und seiner durchbrochenen Oberfläche her einer Galiamelone ähnelte. In dem Ball waren einige Löcher.
Ich sah genauer hin. Und alles in mir wurde kalt.
Vor mir lag ein Menschenschädel über kleinen Knochen.
Die Überreste eines Babys.


  
2


Ich trat hinaus in den Flur und schloss die Tür eine Spur zu hastig hinter mir. Beinahe wäre ich mit einem Mann zusammengestoßen, der mir entgegeneilte: Perfekt geschnittener Anzug, modische Krawatte, darüber ein heller, aufgeknöpfter Trenchcoat. Offensichtlich hatte sich Ralfs Karriere positiv weiterentwickelt.
»Hallo Anne«, sagte er, und sein Gesicht drückte echte Freude aus. Doch das hielt nicht lange an. Sein Blick verdunkelte sich. »Warst du schon drinnen bei der Obduktion?«
Ich schüttelte den Kopf. »Keine richtige Obduktion. Sie betrachten ein paar Knochen.«
»Wenn ein Körper über Jahre hinweg eingemauert ist, bleibt nicht viel übrig.« Er verzog den Mund.
»Es waren nicht nur die Überreste einer Person.«
Ralf horchte auf. »Ach, wirklich? Vorhin, auf dem Präsidium, hieß es, dass eine Leiche gefunden worden sei.«
»Falsch.« Ich zögerte. »Da war noch der Koffer.«
Ralf verstand sofort. Seine Miene drückte Bestürzung aus. »Ein Kind?«
»Ein Baby. Meiner Meinung nach vielleicht ein halbes oder dreiviertel Jahr alt.«
»Verdammt.« Er blickte zu Boden.
Ich holte tief Luft, weil das, was ich gerade in dem Koffer gesehen hatte, unvermittelt wieder vor meinem inneren Auge erschien, und mir schlecht wurde.
Ralf räusperte sich. »Weißt du was? Das da drinnen«, er wies mit dem Kopf in Richtung des Obduktionsbereichs, »das muss ich mir doch nicht geben, oder? Vielleicht hättest du Zeit, und wir gehen auf eine Zigarette?«
Ich hob abwehrend eine Hand. »Keine Zigaretten für mich.«
»Hast du wieder einmal aufgehört?«
»Nicht wieder einmal. Diesmal ist es endgültig.«
Er nickte. »Ich würde ganz gerne eine rauchen. Willst du mir Gesellschaft leisten? Alleine ist es immer so langweilig.«
Ich wollte ablehnen, aber dann wurde mir klar, dass er mir auf seine ungeschickte Art nur mitteilen wollte, wie sehr ich ihm am Herzen lag. Also zwang ich mich zu einem Lächeln. »Ich habe nicht viel Zeit. Der Prof kommt sicher gleich, und wir haben vereinbart, dass ich mit zu ihm gehe.«
»Eine Zigarette, keine Sekunde länger«, versprach Ralf.
Wir liefen den Gang hinunter, er öffnete eine Tür, und wir traten hinaus auf das Podest einer verzinkten Außentreppe. Von dort hatte man einen guten Blick auf einen übervollen Parkplatz im rückwärtigen Teil des Geländes. Dahinter erstreckten sich mehrere Bahngleise.
Ralf holte eine neue Schachtel Marlboro aus der Tasche, öffnete sie umständlich und hielt sie mir auffordernd entgegen. Ich schüttelte den Kopf.
Er seufzte, nahm sich eine Zigarette und zündete sie an. Er machte einen tiefen Zug und blies den Rauch genussvoll aus.
»Und, wie schmeckt’s?«, fragte ich, um irgendetwas zu sagen.
»Super«, erwiderte er. »Ist erst meine zweite heute.«
»Ach, willst du auch aufhören?«
»Ja. Ich habe da so eine Technik. Ich rauche immer nur die Hälfte, und dann schmeiße ich die Kippe weg. In zwei, drei Wochen habe ich mir das Rauchen abgewöhnt.«
»Versprich dir nicht zu viel von der Methode«, sagte ich. »Das habe ich schon mal ausprobiert. Funktioniert nicht.«
Wir blieben eine Weile stumm. Dann durchbrach Ralf unser Schweigen: »Irgendwelche Hinweise zum Tathergang, oder um wen es sich bei den Opfern handeln könnte?«
»Der Prof meinte, es sind die Überreste einer Frau. Allerdings hat man ihr die Hände abgetrennt und die Zähne herausgebrochen. Wird schwer werden, die Identität festzustellen.«
Ralf inhalierte erneut. »Da wollte jemand ganz sicher gehen ... Und das Kind?«
»Auch nichts. Und die Todesursache ist bei beiden noch nicht geklärt.«
»Tja.« Ralf schürzte die Lippen. »Da hast du und Paul … da habt ihr garantiert wieder eine Ermittlung am Hals.«
Ich gab mich gleichgültig. »Kann schon sein.«
»Wieso kann schon sein? Das Gebäude gehört der Kirche, soweit ich weiß. Und jetzt findet man dort eine eingemauerte Leiche – wenn das kein Fall für euch ist!«
»Es stimmt schon, dass das Haus der Kirche gehört. Aber es ist erst kürzlich der Stiftung vermacht worden. Die bisherige Eigentümerin ist vor einigen Monaten gestorben, und hat im Testament verfügt…«
Ralf winkte ab. »Das weiß ich bereits. Die verstorbene Besitzerin hat alles der Kirche vermacht und darauf bestanden, dass das Haus an die Stiftung fällt, der Professor Satorius vorsteht. Deswegen ist er im Moment auch hier.«
Ich nickte.
Wieder blieben wir still.
»Und Paul ist nicht da?«, fragte Ralf, um einen beiläufigen Ton bemüht.
Ich vermied es, ihn anzuschauen. Stattdessen trat ich an die Brüstung der Treppe und legte die Hände auf das kalte Metall. »Paul hatte keine Zeit.«
»Keine Zeit?«
»Er ist in seiner Einrichtung.«
»Diesem Sekten- und Drogenhaus?«
»Du hast es erfasst.« Ich wandte mich Ralf wieder zu und zwang mich, ihn anzublicken. Es brannte ihm auf der Zunge, mich weiter nach Paul zu fragen, das sah ich ihm deutlich an. Aber er kannte mich schon seit vielen Jahren, und ich konnte seinem Gesichtsausdruck entnehmen, dass er merkte, wie schwierig mir eine klare Antwort fallen würde.
Er trat nun seinerseits bis an die Brüstung und drückte die Zigarette am Geländer aus. »Nun, dann gehe ich mal rein. Vielleicht habe ich Glück, und sie haben die Überreste bereits abgedeckt.«
»Vielleicht«, antwortete ich.
»Weißt du Anne … nicht, dass ich damit nicht zurechtkäme. Aber sobald es um Babys geht – das ist für mich kaum zu ertragen.«


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