Die Tränen der toten Nonne - Leseprobe

1

 

Nicole Schneider war eine dieser Frauen, die kein Makeup benötigen. Mit einer Spur von Scheu, ihr Blick leicht fragend, lächelte sie mir entgegen. Dunkle Augen, leuchtend vor Lebensfreude, darüber fein geschwungene Brauen. Dichte Wimpern. Helle Haut, wie aus Porzellan, umrahmt von beinahe schon asiatisch anmutendem, glattem Haar.
Nicole Schneider strahlte natürliche Schönheit aus.
Ich legte ihr Foto beiseite und presste den Knopf des Abspielgerätes. Aus dem Lautsprecher ertönte zuerst ein Knacken, gefolgt von einem leisen Räuspern. Dann begann die sonore Stimme zu sprechen. Metallen hallte sie durch den Raum – sachlich und emotionslos.
Multiple Frakturen des Jochbeins.
Ich wandte mich Nicole zu, die vor mir lag. Jemand hatte sie mehrere Male geschlagen. Mit derartiger Kraft, dass die Backenknochen gesplittert waren. Dunkelrote Blutergüsse gaben Zeugnis davon, wo die Fäuste ihr Gesicht getroffen hatten. Wieder und wieder mussten die Schläge auf sie eingeprasselt sein. Das Fleisch war eingerissen und hatte offene Wunden entstehen lassen.
Der Kiefer befand sich nicht mehr an seinem Platz. Auf der Ablage neben dem kalt glänzenden Autopsietisch aus Stahl stand ein Glas mit einigen Zähnen – abgebrochen, ihre Stümpfe ein rostiges Rotbraun.
Nicoles linkes Auge schien halb geöffnet. Die Schwellung war selbst im Tode nicht zurückgegangen. Verstohlen lugte es durch die Wimpern, jedoch nicht mehr voller Leben, sondern matt und gebrochen, ohne jede Chance, jemals wieder zu sehen. Feuchtigkeit hatte sich gebildet und perlte in einem einzelnen Tropfen heraus. Nicoles letzte Träne – schoss es mir durch den Sinn.
Erneut betrachtete ich ihr Foto, um es mit dem zu vergleichen, was sich mir jetzt darbot. Ich konzentrierte mich auf ihr Gesicht - oder besser gesagt, auf die zermalmte Masse, die einmal ihr Gesicht gewesen war. Der Täter hatte eine unbändige Wut an ihr ausgelassen.
Multiple Stiche im Sternum – meldete sich die Stimme des Pathologen aus dem Lautsprecher zu Wort.
Der Mörder hatte ein Messer benutzt. Mit den Fingerspitzen meiner behandschuhten Rechten fuhr ich über das kalte Fleisch des Leichnams: sechs, …sieben, …zehn klaffende Wunden allein im Brustbereich.
Meine Hand rutschte etwas tiefer, um das Tuch beiseite zu schieben, welches Nicole bedeckte.
Stich- und Rissverletzungen im Unterleib.
Ich zählte insgesamt sechs Stiche und rund ein Dutzend Schnitte. Man hatte ihr ein Messer in den Leib gerammt und die Klinge dann nach links und rechts weggezogen. Sie musste furchtbare Schmerzen erlitten haben.
Vaginale und anale Verletzungen, Spermaspuren.
Der jungen Frau war nichts erspart geblieben.
Ich betrachtete ihre Arme, sah die dunklen Flecken, die der unbarmherzige Griff des Täters bei ihr hinterlassen hatte. Überall am Körper konnte ich Schwellungen erkennen, die von Hieben und Schlägen stammen mussten. Der Hass, die sich hier entladen hatte, war zu grenzenlosen Ausmaßen eskaliert.
Hinzu kamen die Spuren durch die Arbeit des Pathologen.
Keinerlei Anzeichen von Drogen- oder Alkoholmissbrauch. Keine Medikamente, keine Fremdstoffe in den Blut- und Gewebeproben nachweisbar.
Mit meinem Fuß angelte ich mir einen der Plastikstühle, die sich im Raum befanden und setzte mich. Die Luft im Obduktionsraum stank nach Formaldehyd und Antiseptika. Es war kalt, knapp unter neunzehn Grad, und mir fröstelte.
Ich ergriff die Hand der Toten. Langsam hob ich sie empor und hielt sie fest, doch es gelang mir nicht, ihr Wärme zu spenden und die Kälte des Todes zurückzudrängen.
Behutsam legte ich Nicoles Arm zurück, stand auf  und beugte mich zu ihr herunter, bis sich mein Gesicht ganz nah an ihrem Kopf befand. Meine Stimme war ein kaum hörbares Flüstern. „Es tut mir so furchtbar leid, was dir passiert ist und ich kann es nicht ungeschehen machen. Aber ich verspreche dir: der Kerl, der dir das angetan hat, wird bezahlen.“
In gebückter Haltung verharrte ich einen Augenblick neben ihr, sah dabei deutlich ihre von der Reinigungspaste verklebten Haare, bevor ich mich entschlossen aufrichtete.
Der Körper vor mir stellte keinen Menschen mehr dar. Nicole Schneider war schon lange fort.
Es wurde Zeit, dass ich mich an die Arbeit machte.
 

2


 
Die Frühmesse wurde nur von wenigen Gläubigen besucht. Draußen, auf der anderen Seite der bunten Glasscheiben, herrschte noch Dunkelheit. Die Deckenbeleuchtung in der Kirche war eingeschaltet und gaukelte ein warmes Licht und wohlige Atmosphäre vor. Aber mir war kalt.
Ich knöpfte mir die Lederjacke bis zum Kinn zu und drückte mich von der eisigen Marmorsäule weg, an die ich mich gelehnt hatte.
Jetzt hatte ich einen besseren Blick auf den Altar. Ein junger Priester zelebrierte dort die Messe. Er hatte nur einen Messdiener und er sah in seinem weißen Talar und der goldbestickten Stola gar nicht einmal so schlecht aus. Seine Stimme klang sympathisch durch den Raum, und ihr Ton wurde durch die hohen Wände noch verstärkt.
Als er sich anschickte, den Segen zu spenden, knieten sich alle in der Kirche nieder und senkten ihr Haupt.
Ich blieb stehen.
Der Priester verließ den Altar, nachdem er sich ein letztes Mal in Richtung des Kreuzes verbeugt hatte, und schritt durch das Kirchenschiff auf den Ausgang zu. Sein Weg führte ihn direkt an mir vorbei. Als er nur einige Schritte von mir entfernt war, blieb er stehen. Zuerst wirkte er fast erschrocken. Dann breitete sich ein freundliches Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Wenn das keine Überraschung ist...!“
„Hallo, Paul“, sagte ich.
„Anne!“, antwortete er. „Der Herr wird sich freuen“, und er wies nach hinten auf das Kreuz, „wenn er dich in seiner Kirche sieht.“
„Du weißt Paul, das ist nichts Persönliches, aber ich glaube nicht an ihn.“
Das Lächeln auf Pauls Gesicht wurde eine Nuance stärker. „Nun, das macht im Prinzip auch nichts. Denn er glaubt an dich.“
Diesmal lächelte ich mit ihm. Ich konnte nicht anders.
Die Kirchenbesucher schlängelten sich an uns vorbei, beäugten mich argwöhnisch, bevor sie sich von Paul verabschiedeten. Einige blieben zurück, knieten in den langen Bänken, ihre Hände gefaltet, in ein stummes Gebet vertieft.
„Wir müssen uns unterhalten“, sagte ich.
„Ja“, antwortete er, „das denke ich auch. Du kommst nicht ohne Grund in die Kirche – das tut übrigens niemand. Aber hier ist nicht der richtige Ort für unser Gespräch.“ Er bewegte seinen Kopf in Richtung Nebeneingang. „Komm doch mit in die Sakristei.“
Ohne meine Reaktion abzuwarten, schritt er voran, öffnete eine reich verzierte Tür und ich folgte ihm in einen spartanisch eingerichteten Raum. Ein Schrank stand darin, er war offen. Auf einigen Bügeln hingen bunte Gewänder.
„Das ist wirklich eine Freude, dich hier zu sehen“, sagte Paul.
Ich schnitt eine Grimasse. „Es war ganz interessant, dich mal …in Aktion zu erleben.“
„Und wie mache ich mich?“
„Du bist der geborene Showman!“
Paul lachte trocken auf. „Na, von dir ist das fast schon ein Kompliment.“
Er nahm sich die Stola ab, schlüpfte aus seinem Talar und hängte beides sorgfältig über einen Bügel. Darunter trug er eine dunkle Stoffhose und das obligatorische schwarze Hemd. Er schloss den Schrank, fingerte sich ein dunkles Jackett von einem Stuhl und zog es sich über. Jetzt sah er wieder so aus, wie früher. …Na ja, fast. Er war noch etwas blass.
„Wie geht es deiner Wunde?“, fragte ich.
Paul zuckte die Achseln. „Schon besser. Eigentlich spüre ich sie nur noch, wenn ich lache. Und wie ist es bei dir?“
Ich hob meine Linke und hielt ihm den Handrücken entgegen. Sieben rote Punkte zeigten an, wo die Nägel durch mein Fleisch gedrungen waren. „Ich kann meine Hand wieder nahezu vollständig bewegen. Die Finger sind noch ein wenig steif, aber das wird schon.“
„Gut“, meinte er. „Und? Was führt dich hierher?“
„Es hat einen Mord gegeben.“
„Ach ja? Das ist schrecklich und ich hoffe, dass man den Täter findet, um ihn der gerechten Strafe zuzuführen.“
„Das wird man garantiert“, sagte ich, und mein Tonfall ließ Paul aufhorchen. Er sprach nicht weiter, sondern sah mich abwartend an.
„Es ist eine Nonne“, konkretisierte ich.
„Eine Nonne?“
„Nun, keine richtige Nonne. Sie wollte Nonne werden.“
„Ach, du meinst eine Novizin?“
„Noch nicht ganz. Aber eine Frau, die eine Ordensschwester werden wollte. …Sie wollte ein Jahr Abstand vom Kloster haben, um sicherzugehen, dass sie sich für immer verpflichten will.“
Paul runzelte die Stirn. „Ihr Gelübde ablegen, nicht verpflichten“, korrigierte er mich.
„Wie auch immer“, meinte ich und unterstrich meine Worte mit einer Geste, die Gleichgültigkeit und Ungeduld ausdrückte. „Sie wohnte also nicht im Kloster, sondern lebte ein ganz normales Leben und in circa einem Monat beabsichtigte sie, als Novizin zurückkehren.“
„Und?“
„Sie ist vor fünf Tagen ermordet worden.“
Paul atmete aus, griff an die Lehne des Stuhls und hielt sich daran fest - ganz so, als würde er Unterstützung brauchen. „Was hat das mit mir zu tun?“
„Nun, …Prälat Ott hat mich angerufen und sich erkundigt, ob ich mit dir gemeinsam in dem Fall ermitteln möchte.“
Paul schüttelte den Kopf, zögerte mit seiner Antwort und meinte schließlich: „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.“
„Das habe ich mir schon gedacht.“ Ich langte in meine Jackentasche und zog einen Brief heraus. „Der hier ist für dich.“
„Von wem?“
„Von Prälat Ott.“
Paul zögerte, bevor er das Schriftstück nahm. Er riss das Siegel auf, faltete das Papier auseinander und las es.
Als er fertig war, ließ er seine Hände sinken und spielte gedankenverloren mit dem Dokument. „Du hast ihm gesagt, dass du ohne mich nicht arbeiten wirst?“
Meine Antwort kam prompt. Sie ging mir leicht über die Lippen. Ich hatte sie mir zurechtgelegt und im Geiste so oft wiederholt, dass ich mittlerweile beinahe selbst daran glaubte. Ich sagte: „Ich habe keinerlei Beziehungen zur Kirche. Und wie es aussieht, werden wir auch in deren näherem Umfeld ermitteln müssen.“
Paul biss sich auf die Lippen. „Das sehe ich auch so“, sagte er schließlich.
„Und?“, fragte ich. „Hast du dich entschieden? Wirst du mir helfen?“
Er sah mich direkt an und seine Augen rissen für einen Moment den Schutzwall entzwei, den ich vor mir aufgebaut hatte. Unvermittelt fühlte ich mich verletzlich und angreifbar.
„Natürlich werde ich dir zur Seite stehen. So wie Prälat Ott hier schreibt, habe ich soeben Urlaub für drei Wochen bekommen und es ist sogar schon ein Vertreter für mich bestimmt worden.“
„Dann können wir beginnen“, sagte ich und eine Welle der Vorfreude durchströmte mich. Ich lächelte.
Paul rührte sich nicht vom Fleck.
„Worauf wartest du?“, fragte ich.
„Ich halte es aber insgesamt nicht für eine gute Idee“, beharrte er.
„Was?“
„Dass wir wieder zusammenarbeiten.“
Schlagartig verließ mich jede Art von Fröhlichkeit. Meine nächsten Worte sprach ich so hastig, dass ich mich beinahe verhaspelte: „Ich werde besser aufpassen. Das letzte Mal war ich noch nicht ganz auf der Höhe. Ich werde mich nicht mehr so kalt erwischen lassen. Das verspreche ich dir.“
„In Ordnung“, sagte Paul. „Aber das habe ich eigentlich nicht gemeint.“

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