Lilith. Eine andere Art von Ewigkeit - Leseprobe

PROLOG



Es war Zeit. Höchste Zeit.
Er hatte es die letzten Tage immer wieder gespürt. Zunächst waren es nur vage Vorboten gewesen, die er mehr unterbewusst registriert hatte. Ganz so, wie es sich manchmal mit einer beginnenden Erkältung verhält, wenn einem unterschwellig klar wird, dass man nicht hundertprozentig fit ist. Schmerzt dann erst einmal der Rachen oder läuft die Nase, ist es eigentlich schon zu spät.
Auch bei ihm war dieser Punkt erreicht. Er konnte es im wahrsten Sinne des Wortes fühlen. Seine Sehnen ließen an Geschmeidigkeit nach, seine Muskeln erschlafften, seine Haut verlor an Elastizität. Und vorhin hatten ihn seine Augen im Stich gelassen. Er hatte die ihm vorgelegten Dokumente nur mit Mühe entziffern können.
Sein Alterungsprozess hatte eingesetzt. Unaufhaltsam griff der Tod nach ihm. Wenn er jetzt nicht schnell handelte…
Er blickte zum wiederholten Male verstohlen auf seine Rolex. Er musste sich beeilen.
Ungelenk erhob er sich aus dem Chefsessel und ging um den Schreibtisch herum. Mühsam öffnete er die schallisolierte Tür seines Büros und betrat das Vorzimmer.
Seine persönliche Assistentin war an ihrem PC und verfolgte mit leicht gerunzelter Stirn die Schrift auf dem Flachbildschirm, während ihre Finger über die Tastatur flogen. Jetzt blickte sie zu ihm hoch, ihr Gesichtsausdruck aufmerksam, doch er schenkte ihr nur ein verkrampftes Lächeln, während er versuchte, die immer heftiger werdenden Kreuzschmerzen zu ignorieren.
»Frau Weber«, sagte er gepresst und zwang sich dazu, sich gerade zu halten. »Ich bin dann einmal kurz nicht erreichbar. Vielleicht für zwei Stunden.«
Frau Weber nickte ansatzweise, bevor sie ihren Blick diskret auf den Bildschirm senkte. Sie arbeitete schon einige Zeit für ihn und wusste, wann es besser war, keine Fragen zu stellen.
Er verließ sie und durchquerte ein mit viel glänzendem Chrom eingerichtetes Großraumbüro, in dem Angestellte in schier endlosen Reihen eng abgeteilter Einheiten ihren Aufgaben nachgingen. Er wurde von allen Seiten gegrüßt, doch ihm fehlte in seinem jetzigen Zustand die Kraft, auch nur ein einziges Wort zu erwidern.
Wie durch ein Wunder schaffte er es, weiterhin aufrecht zu laufen und sich nichts anmerken zu lassen. Jeder, der ihm begegnete, würde bestenfalls meinen, dass er äußerst gestresst war. Seinen tatsächlichen Zustand konnte er mit eisernem Willen verbergen, wobei ihm die Einzigartigkeit seiner Situation zugutekam. Keiner der Anwesenden würde jemals auf die Idee kommen, dass ein Mensch innerhalb weniger Minuten um Jahre, oder gar um Jahrzehnte altern konnte.
Vor der Forschungsabteilung standen zwei Wachmänner. Sie nahmen Haltung an, als sie ihn kommen sahen und gingen einen Schritt zur Seite, um ihm den Zutritt zu ermöglichen.
Er beachtete sie nicht weiter.
Er kniff die Augen zusammen, um das glänzende Bronzeschild rechts neben dem Eingang zu lesen.

Sicherheitsbereich
Nur für Berechtigte

war darauf eingraviert. Doch die Schrift blieb verschwommen.
Mit beiden Händen umfasste er die Säule, in die das Display eingelassen war. Seine Hände wiesen mittlerweile deutliche Altersflecke auf.
Er war erleichtert, sich festhalten zu können. Seine Lungen brannten wie Feuer. Sein Herz pochte rasend und unregelmäßig.
Nur mit Mühe unterdrückte er den Impuls, den Sicherheitscode wie ein Wahnsinniger in das Ziffernblatt zu schlagen. Stattdessen konzentrierte er sich auf jede einzelne Zahl, die er mit zitterndem Zeigefinger antippte.
Er hob seinen Kopf dem Lichtstrahl entgegen, der sein Gesicht und seine Iris scannte.
Er konnte es fast nicht mehr aushalten.
Endlich! – Die Tür schwang auf.
Er verlor jede Hemmung und hastete in den langen schmalen Gang. Das Tor schloss sich dumpf hinter ihm, doch er hörte das Geräusch nicht. Der Puls rauschte in seinen Ohren und vermischte sich mit seinem Atem, der mehr einem Keuchen glich.
Sein linkes Bein war nahezu steif, er zog es hinter sich her. Mit beiden Händen hangelte er sich an den weiß gestrichenen Wänden entlang. Er brauchte sich nicht länger zu verstellen.
Der fensterlose Flur endete vor einer weiteren Tür. Sie bestand aus schwerem Stahl. Wer es nicht besser wusste, hielt sie für den Zugang zu einem überdimensionalen Safe. Nur zwei Personen war bekannt, was sich tatsächlich hinter der einen halben Meter dicken Metallplatte verbarg. Er war einer davon.
Er tastete an seinen Hals und fetzte am Kragen. Der oberste Knopf sprang ab und seine Hände berührten eine filigrane Goldkette, an der ein ebenso zierlicher Schlüssel aus reinem Titan hing.
Seine Finger gehorchten ihm nicht mehr. Er vermochte nicht, die Kette am Verschluss zu lösen. Mit aller ihm verbliebenen Kraft zog er an dem Schlüssel und riss ihn frei.
Wieder nahm er sich zusammen, steckte den Schlüssel in die dafür vorgesehene Öffnung und drehte ihn mit einem entschiedenen Ruck um. Erschöpft lehnte er die Stirn gegen das kühle Metall des Türstocks. Dabei nahm er im Geiste vorweg, was ihm in den nächsten Minuten widerfahren würde. Das gewaltige Hochgefühl, das ihn bereits bei der bloßen Vorstellung durchströmte, linderte seine Leiden und schenkte ihm neuen Lebensmut.
Ein Summen ertönte, als Elektromotoren armdicke Verschlussbolzen zur Seite schoben. Die schwere Tür öffnete sich.
Augenblicklich drang sie zu ihm durch, diese einzigartige Geräuschkulisse. Markerschütternde Schreie und entsetzliches Wehklagen.
Er stand in einem wohltemperierten Raum. Seine handgefertigten Lederschuhe versanken im Teppich. Die Wände waren mit Seidentapeten bespannt.
Er blickte nach vorn, vorbei an einem Sessel, durch die feuerfeste Panzerglaswand hindurch.
Er ließ sich auf dem Sessel niedersinken, langte zu einem Beistelltisch hinüber und tastete sich an einem einsatzbereiten Spritzenbesteck vorbei, bis er den Ohrenschutz fand. Unbeholfen setzte er ihn auf und sog begierig das Bild ein, das sich ihm auf der anderen Seite der Scheibe bot.
Aus dutzenden tellergroßen Bodenschächten schossen blauglühende Flammen bis hinauf zur Decke. Seine Augen gewöhnten sich schrittweise an die Helligkeit. Jetzt konnte er das überdimensionale Reagenzglas erkennen, das sich inmitten der Feuerzungen befand. Der Behälter war nicht leer. Samael hatte ihm in seiner großen Güte etwas übrig gelassen. Dankbarkeit und unsägliche Erleichterung durchströmten ihn.
Er kniff die Augen zusammen und starrte weiter hinein, zwischen den wütenden Düsen hindurch.
Dort war sie gefangen. Und weil es dort entsetzlich heiß war, litt sie im wahrsten Sinne des Wortes Höllenqualen. Sie schrie, nein besser, sie brüllte ihre unsägliche Pein heraus.
Sein Ohrenschutz war das beste Modell auf dem Markt. Trotzdem gelangten die herzzerreißenden Schreie bis in sein Bewusstsein. Allein er freute sich darüber. Er empfand ein grenzenloses Glücksgefühl und hätte am liebsten laut herausgelacht.
Er vermochte sie zu sehen. Sie war nicht allzu groß, nicht größer als ein zweijähriges Kind. Und natürlich schwarz – wie hätte es auch anders sein können. Sie hatte ganz grob die Form eines Körpers, sah aus, wie ein Mensch, von einem wahnsinnigen Expressionisten skizziert. Ihre Gliedmaßen waren lang und dünn. Zerbrechlich.
Die Hitze verbrannte sie fast. Und sie schrie, sie schrie um ihr Leben.
Er streckte die Hand aus und berührte einen Regler, der in die Lehne des Sessels eingebaut war. Langsam und genüsslich drehte er ihn auf. Sofort schossen neue Feuerlanzen unterhalb des Reagenzglases empor. Sie trafen den Behälter mit ungeheurer Wucht. Die Schreie wurden noch lauter, noch unerträglicher – von einem bodenlosen Entsetzen, von unaussprechlichen Qualen durchtränkt.
Die Gestalt schlug wild um sich. Sie versuchte sich zu befreien, doch die Anordnung der Flammen und die strategisch platzierten Pentagramme verhinderten es.
Die Hitze tat ihr übriges.
Etwas löste sich aus der Gestalt. Es trieb nach oben. Gleichzeitig verstummten die Schreie. Die Stille war beinahe unwirklich.
Das kindliche Wesen schwebte zusammengesackt leb- und kraftlos im Glas. Es würde nicht mehr lange dauern.
Er drehte den Regler für die zusätzlichen Flammen ab und beobachtete, wie sich an den Innenseiten des Reagenzglases eine Art silberner Dunst sammelte, sich zu kleinen Tröpfchen zusammenzog, die schließlich langsam auf den Boden der gläsernen Vorrichtung rannen.
Er öffnete die Sperre über dem Hitzeregler. Das perlmuttfarbene Destillat sickerte in eine stickstoffvereiste Petrischale. Ein Roboterarm schwenkte aus, nahm die dampfende Schale auf, bugsierte sie zu einer Schleuse und setzte sie ab.
Wankend erhob er sich, betätigte den Mechanismus der Schleuse und entnahm ihr den kleinen Teller.
Die Essenz verströmte einen einzigartigen Duft. Unwillkürlich sammelte sich Speichel in seinem Mund, er musste mehrmals schlucken und leckte sich schmatzend die trockenen Lippen.
Er stellte die Schale vorsichtig auf den Beistelltisch, was ihm wegen seiner jetzt heftig zitternden Arme nicht leicht fiel. Aber um nichts in der Welt durfte er den wertvollen Inhalt verschütten. Kein einziger Tropfen durfte verschwendet werden.
Er hob die gläserne Spritze und tauchte ihre Spitze in die Mitte des Destillats. Mit einer jahrhundertelang geübten Bewegung zog er den Kolben zurück.
Er öffnete seinen Mund, während er seinen Kopf in den Nacken legte. Er zögerte, aber nicht aus Angst vor dem Einstich, sondern um sich für diesen einzigartigen Moment zu wappnen, um seine Sinne zu schärfen. Tausendmal hatte er es schon getan und doch übertraf das Erlebnis stets seine lebhaftesten Erinnerungen.
Langsam atmete er ein. Dann konnte er sich nicht mehr beherrschen. Er hob seine Zunge an, stieß die Nadel tief in sein weiches Fleisch hinein und drückte den Kolben nach vorn. Das Serum schoss in seinen Körper.
Er war unvorsichtig gewesen. Er hatte sich nicht gesetzt. Jetzt warf ihn der ungeheure Schock zu Boden. Er landete auf den Knien. Die leere Spritze baumelte aus seinem Mund.
Bilder zuckten vor seinen Augen. Gequälte und geschändete Menschen. Todesschreie. Der Genuss von Folter und Mord.
Die Eindrücke fielen in sich zusammen, als das Böse durch ihn hindurch raste. Er keuchte vor purer Ekstase und gab sich ganz diesem unbeschreiblichen Kick hin, während er ausgestreckt auf dem Boden lag, die Finger in den Teppich gekrallt.
Unkontrolliert bäumte er sich auf. Kraft und Lebensenergie explodierten in ihm, als sich jede Zelle seines Körpers verjüngte. Das berauschende Gefühl von Macht und Unbesiegbarkeit war uferlos.
Er wollte genussvoll durchatmen, doch die immer noch in der Unterseite seiner Zunge hängende Spritze hinderte ihn daran.
Er zog die Nadel heraus. Seine Finger waren geschmeidig, sie zitterten nicht mehr. Die Haut auf seinem Handrücken war straff und jugendlich. Von Altersflecken keine Spur.
Mit einem Satz sprang er auf, um sich mit verschränkten Armen auf die Rückenlehne des Sessels zu stützen. Selbstvergessen, beinahe schon träumerisch, blickte er erneut in den Raum jenseits der Glaswand.
Er streifte den Ohrenschutz ab. Das Wesen in dem Reagenzglas war ruhig und bewegte sich nicht.
Er musste über seine eigenen Gedanken grinsen. Für einen Augenblick hatte er doch tatsächlich gedacht, es handle sich um ein Wesen, was dort drüben in dem Behälter gefangen gehalten wurde und ausgepresst worden war, wie eine reife Zitrone.
Aber es war kein Wesen.
Es war eine Seele.
Die Seele eines Menschen. Eines gefährlichen, verdorbenen und bösen Menschen, den er gekannt hatte. Sie hatte es nicht bis in die Hölle geschafft. Nein, Samael hatte sie abgefangen und hierher geschleppt.
Teufel konnten so etwas.
Und hier, in dem Raum jenseits der Panzerglasscheibe, befand sich eine ganz private Hölle.
Eine Hölle in Miniaturformat.
Eine Hölle, nur für den Eigenbedarf.
Zugegebenermaßen hatte Samael einen riesigen Bedarf.
Sein Mund verzog sich zu einem zynischen Lächeln. Die Menschen hatten seit Angedenken der Zeit über die Hölle gerätselt, sie gefürchtet und mit ihrer Existenz andere eingeschüchtert und bedroht.
Aber sie hatten ja keinen blassen Schimmer.
Sie hatten keine Ahnung, was dort tatsächlich abging.
Die negative Lebenskraft der Seelen stellte eine exquisite Droge für Dämonen dar. Sie war überaus geschätzt und begehrt. Je böser ein Mensch gewesen war, desto schwärzer war seine Seele und desto größer war die negative Energie, die man aus ihr gewinnen konnte.
Man kochte sie einfach aus.
Bei Menschen hatte diese kostbare Essenz eine überaus erfreuliche Nebenwirkung. Sie stoppte den Alterungsprozess, machte ihn rückgängig. Regelmäßig eingenommen verhalf sie zu ewigem Leben – oder was Menschen unter ewigem Leben verstanden.
Er lächelte bitter.
Er war zweiunddreißig Jahre alt. Das war er bereits seit mehr als einem halben Jahrtausend. Er hatte nicht vor, auch nur einen Tag zu altern.
Der unscheinbare Rest der Seele begann, seine Konturen zu verlieren. Sie löste sich auf und drang in die andere Dimension ein. Dort würde sie als bewusst- und identitätsloser Müll durch die Unendlichkeit driften.
Eine Hand legte sich auf seine Schultern. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass es Elisabeth war. Denn Elisabeth Le Maas-Heller war die einzige andere Person, die Zutritt zu diesem Raum hatte.
Im Übrigen gehörte ihr hier wirklich alles. Das schloss ihn mit ein.
»Siehst du, mein lieber Charles«, sprach sie leise, es war fast ein Flüstern, das ihm gleichzeitig Schauer der Wollust und der Angst über den Rücken trieb. «Siehst du«, wiederholte sie, »letztendlich war unser Professor Brunner doch zu etwas nütze. Ich hasse Verschwendung.«
Charles Cunningham, Doktor der Philosophie, Geschäftsführer des Konzerns Le Maas-Heller und ergebener Handlanger Samaels zwang sich zu einem zustimmenden Lächeln.
»Ja, mein lieber Charles, sieh’ nur genau hin. Das passiert mit jedem, der es sich erlaubt, in meinen Diensten zu versagen.« Die Hand auf seiner Schulter verstärkte ihren Druck und ihr silberner, mit blutroten Rubinen besetzter Gelenkring bohrte sich in seine Muskeln. Für einen Moment fürchtete er, dass sein Schlüsselbein brechen würde.
»Du wirst nicht versagen, mein lieber Charles, da bin ich mir ganz sicher.«
Cunningham antwortete nicht, er streichelte stattdessen die Hand, die daraufhin ihren Griff unmerklich lockerte.
»Es ist bald soweit«, fuhr sie fort. »Ich kann es spüren. Mein Plan steht kurz vor der Vollendung. Ich werde die Barriere niederreißen, die mich seit Jahrtausenden von meiner Familie trennt. Aber ich muss absolut sicher sein. Alle, die mir und den Meinen im Weg stehen, müssen beseitigt werden.«
»Die Studentenverbindung«, setzte er an. »Sie könnte…«
»Nein«, unterbrach sie ihn mit einer Schärfe, die in sein Bewusstsein schnitt. »Die Studentenverbindung hat neue Aufträge erhalten. Sie ist bereits aktiv, allerdings nicht mehr bei unserem Hauptproblem. Das übersteigt deren Fähigkeiten, wie wir gesehen haben.«
Er räusperte sich. »Asmodeo ist schuld. Er hat das Mädchen befreit.«
Die Hand krampfte sich zusammen, und ein roter Schmerz jagte in seinen Arm. »Asmodeo tut hier nichts zur Sache. Er geht dich nichts an, hörst du? Ich will das Mädchen, ich will die Dämonin.«
Cunningham biss sich auf die Lippen und ignorierte das sengende Pochen in seiner Schulter. »Sie sind zusammen geflohen. Niemand weiß, wo sie sich verstecken. Asmodeo, die Dämonin und dieser Johannes.«
Die Stimme von Elisabeth wurde sanft. »Johannes. Johannes Hohenberg. Ich kenne seine Familie. Ich kenne sie gut.« Kratzend fuhr die Hand mit dem silbernen Fingerschmuck über seinen Nacken. »Mach dir keine Gedanken, mein lieber Charles. Der Rabe und ich, wir werden Lilith finden. Und du…«, sie machte eine Pause.
»Ich werde sie umbringen«, vervollständigte er ihren Satz.
Sie lachte. »Nun, eher umbringen lassen. Aber ich weiß, was du sagen willst, mein lieber Charles. Du darfst nur eines nicht vergessen. Wir müssen Lilith allein erwischen. Ohne Asmodeo. Wir müssen die beiden trennen. Und Lilith stirbt.«
Wieder streichelte sie ihn. Diesmal hatte ihre Berührung eine andere Qualität. Sie war unmissverständlich und fordernd.
Er war ihr Sklave und würde alles tun, was sie von ihm verlangte.
Das war der Preis, den er zahlte.



TEIL I – NOIRMOUTIER





Kapitel 1 – Pausiert




1



Ich setzte Schritt vor Schritt und das Wasser spritzte mir an den Beinen hoch. Ich konnte die Wellen hören, wie sie sich rhythmisch am Ufer brachen und sich mit meinem Atem vermischten. Der Wind wehte von der See her. Er zerzauste mein Haar. Mit einer energischen Geste strich ich es nach hinten.
Vor mir lag der leere Strand, der sich fast bis an den Horizont erstreckte. Die Sonne schien mir ins Gesicht. Ich blinzelte und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können.
Möwen flogen über mich hinweg. Sie flogen Richtung Wasser. Sie waren auf der Jagd. Einige Kilometer entfernt bewegten sich kleine Punkte. Es waren Fischer, die mit ihrem Boot hinaus zu den Austernbänken fuhren.
Ich kannte die Gegend wie meine eigene Westentasche. Seit fast einem Monat joggte ich tagtäglich hier entlang. Jede Bucht, jede Erhebung der Dünen waren mir ebenso vertraut wie die Gezeiten des Meeres.
Es war das erste Mal, dass ich in Frankreich am Atlantik war. Zuvor war ich allerdings schon einmal auf dieser Insel gewesen. Das klingt jetzt widersprüchlich und ist es auch.
Ich erinnerte mich, wie es mir gelungen war, in Asmodeos Bewusstsein, in seine Gedanken zu gelangen und ihn auf eine Reise hierher, nach Noirmoutier, mitzunehmen. Engumschlungen waren wir an der gleichen Stelle in der untergehenden Sonne entlang geschlendert, bis der Nebel zurückgekommen war und uns aus unserem Paradies herausgerissen hatte.
Asmodeo.
Er hatte mich zunächst vier Jahre lang in meinen Träumen besucht und war dann in mein Leben getreten.
Asmodeo war atemberaubend schön, reich und die Liebe meines Lebens.
Asmodeo war aber noch mehr. Er war ein Dämon.
Ich merkte, wie ich langsamer wurde und zwang mich, meine Geschwindigkeit zu erhöhen. Meine Füße gruben sich bei jedem Satz tief in den weichen Boden. Es fiel mir schwer, in diesem Tempo weiterzulaufen. Dennoch genoss ich es, mich zu überwinden, mich zu verausgaben und meinen Körper zu spüren.
Aus den Augenwinkeln nahm ich einen Schatten wahr. Er bewegte sich um ein Vielfaches schneller als ich. Mir war klar, dass ich keine Chance hatte.
Keine Chance, zu entkommen.
Schwer atmend fuhr ich herum, um mich meinem Verfolger zu stellen.
Es war ein Hund. Ein rotbrauner Hund. Er hetzte auf mich zu. Er war mächtig und schwer, ich schätzte ihn auf nahezu fünfzig Kilo. Sein Maul war halb geöffnet, seine Lefzen hoben sich bei jedem Satz und ließen scharfe Reißzähne aufblitzen. Seine bernsteinfarbenen Augen waren auf mich fixiert.
Er war eindeutig stärker als ich.
Jetzt setzte er zu einem weiten, hohen Sprung an und flog mir wie ein Geschoss entgegen.
Obwohl ich damit gerechnet hatte und mich ihm entgegenstemmte, konnte ich mich nicht auf den Beinen halten und wurde nach hinten umgeworfen, als er gegen mich prallte.
Er stand halb über mir. Ich war ihm ausgeliefert. Schutzlos.
Er beugte sich zu mir herab. Seine große Schnauze kam immer näher. Und dann leckte er mir über das Gesicht.
Das war sein Fehler!
Ich packte ihn am Hals und drückte ihn zur Seite weg. Wir rollten über den Boden, er versuchte sich loszureißen, aber ich hielt ihn eisern fest.
Er gab einen zufriedenen Laut von sich. Ich hatte es wieder einmal geschafft.
»Mozart«, sagte ich, »schäm dich!«
Der Hund hechelte und sein langer Schwanz klopfte bestätigend auf den nassen Sand.
»Du sollst mich nicht in Grund und Boden rennen, sondern auf mich aufpassen!«
Er grunzte und schlug mir mit der Vorderpfote gegen den Oberkörper.
»Wo warst du überhaupt? Hast du wieder Hasen verfolgt?«
Direkt hinter den Dünen erstreckte sich ein ehemaliges Militärgelände aus dem zweiten Weltkrieg. Die unterirdischen Gänge hatte man längst zugeschüttet, aber es blieb unbebaubar. Im Laufe der Jahre hatte es sich zu einem Biotop entwickelt, in dem wilder Knoblauch, zarte Dünengräser und Disteln wuchsen. Und dort lebten Hasen – sehr zur Freude von Mozart.
Ich stand auf und klopfte mir den Sand ab. Mozart streckte sich und kam ebenfalls auf die Beine. Erwartungsvoll sah er mich an.
»Fuß«, befahl ich ihm.
Er gehorchte sofort und blieb dicht neben mir. Die Zeit für Spiele war vorbei. Er musste seine Pflicht erfüllen. Er musste das tun, wofür ihn Asmodeo angeschafft hatte.
Er musste mich beschützen.
Und ich brauchte Schutz.
Asmodeo war nicht da gewesen, als mich Mitglieder der Studentenverbindung Fraternitas Cornicis (der Bruderschaft des Raben) verschleppt hatten. Sie hatten mich in eine Burg gebracht, in der sie eine Forschungsanlage betrieben. Dort hatte mich ihr Chef, Professor Brunner, stundenlang gefoltert. Er war überzeugt davon gewesen, dass auch ich eine Dämonin war und er hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er mich qualvoll sterben lassen würde.
Asmodeo hatte mich gerettet. Im letzten Moment. Meine Peiniger waren tot. Aber wir konnten nicht sicher sein, dass es nicht andere gab, die das gleiche Ziel hatten, wie Brunner und seine Leute. Das Ziel, mich zu ermorden.
Deswegen waren wir auf die Île de Noirmoutier geflüchtet, wo uns niemand kannte. Und deshalb hatte mir Asmodeo einen ausgebildeten Schutzhund beschafft, der mich nie aus den Augen lassen sollte.
Mozart war ein Rhodesian Ridgeback. Ursprünglich war seine Rasse für die Löwenjagd in Südafrika gezüchtet worden. Er war treu und hundertprozentig zuverlässig.
Mozart hieß eigentlich nicht Mozart. Er hieß Mhondowasi Hunter of Kalahari Desert. Aber ich hatte ihn spontan umgetauft, nachdem er zwei Tage nach seiner Ankunft meine Großpackung Mozartkugeln auf der Terrasse gefunden und den gesamten Inhalt verdrückt hatte (das Stanniolpapier hatte er übrigens liegen lassen).
Und so wurde aus Mhondowasi eben Mozart. Das klang auch viel netter. Wer wollte schon Mhondowasi heißen…
Die Strecke zurück blieb Mozart an meiner Seite, während er die Umgebung wachsam im Auge behielt. Dann kam die Mole. Wir überquerten die Düne auf großen Granitquadern. Gelbe Ginsterbüsche säumten duftend den Weg.
Direkt nach der Düne sah ich die ersten Bungalows mit ihren weißen Mauern und roten Ziegeldächern. Die Fenster wurden von bodenlangen Läden umrahmt, die mal blau, mal grün oder braun gestrichen waren.
Ich gelangte auf eine Privatstraße. Mit Sommerblumen bepflanzte Betonkübel sorgten dafür, dass die wenigen Autos der Anlieger nur in Schrittgeschwindigkeit fahren konnten.
Ich brauchte nicht mehr lange, bis ich in unsere Einfahrt einbog.
Das Haus, das Asmodeo gekauft hatte, lag halb am Hang und hatte ein wunderschönes Außenplateau mit Aussicht auf das Meer. Ich konnte es gar nicht erwarten, heimzukommen.
Auf der Terrasse saß ein schwarzhaariger junger Mann und arbeitete konzentriert an einer großen Staffelei. Zu seinen Füßen lag Laurent, eine altersschwache Katze, die Asmodeo, ohne es zu wissen, mit dem Haus zusammen erworben hatte. Ihr Name war schon leicht seltsam, denn sie war eindeutig kein Kater, aber so hieß sie nun mal, hatte uns der Immobilienmakler erklärt. Er hatte sich angeboten, die Katze zum Einschläfern zu bringen, aber ich hatte empört abgelehnt. Sie störte uns wirklich nicht weiter. Sie lebte meist ihr eigenes Leben.
Der dunkelhaarige Mann blickte auf und winkte mir zu.
Wie der Blitz war ich bei ihm. Ich setzte mich auf seinen Schoß, legte die Arme um seinen Hals und küsste ihn.
Er drückte mich sanft von sich weg. »Du musst ein bisschen vorsichtig mit mir sein, Lilith.« Mit den Fingerspitzen fuhr er der Kontur meiner Wangenknochen nach.
»Bin ich doch, Johannes«, antwortete ich.
Johannes.
Er war die zweite große Liebe meines Lebens. Ich hatte ihn kurz vor Asmodeo kennengelernt und mich während eines Gewitters unsterblich in ihn verliebt. In seine wundervollen dunklen Augen, in seine sensible Persönlichkeit, in seinen sinnlichen Mund, in seinen atemberaubenden Körper.
Aber auch Johannes war noch mehr. Er war nicht nur ein begnadeter Künstler und Sohn eines Konzernchefs.
Johannes war auch ein Mörder.
Außerdem war er ein ganz außergewöhnlicher Taekwondo-Kämpfer, dagegen wirkte ich wie eine reine Anfängerin. Er hatte mich trainiert, und ich hatte durch seine Hilfe den braunen Gürtel erworben.
Johannes war mit mir zusammen von der Studentenverbindung entführt worden. Hilflos hatte ich zusehen müssen, wie er überwältigt und brutal zusammengeschlagen worden war.
Als Asmodeo mich befreit hatte, hatte ich darauf bestanden, dass er Johannes mitnahm. Damit hatte ich Asmodeo Unmögliches abverlangt, denn damals hassten sich die beiden mit einer derartigen Intensität, dass sie körperlich regelrecht spürbar war und sich äußerst gewalttätig entlud, wenn sie sich begegneten. Um mich zu retten, hatte Asmodeo meiner Forderung schließlich entsprochen. Und Johannes hatte sich revanchiert, indem er die Kugel abfing, die eigentlich Asmodeo töten sollte.
Und das hatte alles verändert.
Johannes hatte schwer verletzt überlebt.
Und jetzt waren wir alle drei hier auf Noirmoutier. Johannes, Asmodeo und ich.
Ich war die Frau, die von Johannes geliebt wurde. Ich war die Frau, die von Asmodeo geliebt wurde. Ich hatte gerade mein Abitur hinter mir. Und wahrscheinlich, höchstwahrscheinlich, hatte Professor Brunner Recht gehabt.
Vermutlich war ich kein Mensch.

Vermutlich war auch ich eine Dämonin.

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