Lilith. Für ein Ende der Ewigkeit - Leseprobe

Prolog



Der Sommer folgte zögernd auf den Frühling, als der Teufel in die Stadt kam. Niemand erkannte ihn. Er war sozusagen inkognito unterwegs.
Jahrzehntelang hatte er den Moment herbeigesehnt, hatte ihm regelrecht entgegengefiebert. Seine gesamte Existenz hatte er darauf ausgerichtet. Darauf, sie, die Frau seiner Träume, hier zu treffen.
Er lenkte seinen Wagen auf den Parkplatz und schaltete den Motor aus. Seine Finger strichen über das mit Leder bespannte Lenkrad.
Nichts durfte ihm dazwischen kommen. Er durfte kein Risiko eingehen. Zu viel hing davon ab, dass sein Plan funktionierte und er sein Ziel erreichte. Sein Ziel, das beinahe schon einer Besessenheit glich.
Er lachte leise. Teufel konnten nicht besessen werden. Weder im eigentlichen, noch im übertragenen Sinn des Wortes.
Er zog den Zündschlüssel ab, öffnete die Tür und stieg aus.
Nur kurz erlaubte er sich, die Augen zu schließen und sich auf sie zu konzentrieren. Er konnte sie deutlich spüren. Sie hatte eine ganz außergewöhnliche Energie, die sein Unterbewusstsein mit spinnwebenfeinen Fäden zu durchdringen schien. Je näher er der Stadt gekommen war, desto intensiver hatte er sie wahrgenommen.
Verwundert stellte er fest, dass er sich jetzt regelrecht zwingen musste, um diesem sonderbaren Impuls nicht nachzugeben. Diesem Impuls, der ihn dazu drängte, sofort zu ihr zu eilen.
Nicht mehr lange – sagte er sich.
Er fühlte sich ausgesprochen wohl in seiner Haut. Der Körper, den er mit viel Bedacht und äußerster Sorgfalt ausgewählt hatte, bot all das, was er benötigte. Wenn er genauer darüber nachdachte, war es eigentlich das erste Mal, dass ihm seine menschliche Hülle vertraut vorkam und er sich eins mit ihr fühlte.
Fakt war, dass er die abertausend Wirte davor stets nur für einen Zwischenstopp benutzt hatte - für eine kurze amüsante Episode.
Wieder lachte er. Mit ihnen war er nicht gerade zimperlich umgegangen.
Vielleicht machte gerade das den Unterschied aus. Diesen Körper kannte er von Geburt an. Er hatte viel Arbeit und Mühe in ihn investiert.
Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Sie würde großen Gefallen an seinem Äußeren finden. Dessen war er sich sicher.
Aber auch sein Hintergrund stimmte hundertprozentig. Er hatte nichts dem Zufall überlassen. Er war intelligent, verfügte über Macht, Ansehen und schier grenzenlosen Reichtum.
Dieses Gesamtpaket war unwiderstehlich. Damit würde er sie für sich gewinnen. Er musste sie für sich gewinnen. Sie allein war der Schlüssel zu dem Tor, das ihm den Weg in die Freiheit versperrte.
Noch einmal schloss er seine Augen, um ihr nachzuspüren. Er war ihr so nahe, wie noch niemals zuvor.
Seine Lippen formten lautlos ihren Namen:  Lilith.






Kapitel 1 – Gesehen




1



»Herzlichen Glückwunsch zum vierten Geburtstag«, sagte ich meinem Spiegelbild, während ich meine Wimpern tuschte. Eigentlich wurde ich heute achtzehn, doch mein Leben, an das ich mich erinnern konnte, hatte vor nur vier Jahren begonnen.
Das erste Gesicht, das ich damals sah, war das einer alten Frau, die meinte, sie sei meine Großmutter. Und sie nannte mir meinen Namen. Sie sagte, ich hieße Lilith. Lilith Stolzen.
Mit diesem Augenblick wurde sie zu meiner Familie. Zu einer wirklich tollen Familie.
Sicher, manchmal gab es Momente, in denen sie mich nervte - aber wer kennt diese Situationen nicht? Andererseits bemühte sie sich schrecklich darum, dass es mir gut ging. Wie hätte ich ihr da jemals böse sein können?
Außerdem hatte sie bereits mehr als genug durchmachen müssen. Damals, vor vier Jahren, als sie ihr einziges Kind - meine Mutter - verlor. Ich wollte ihr keinen weiteren Anlass zur Sorge geben. Also behielt ich bestimmte Dinge lieber für mich. Sie hätte mir ohnehin nicht helfen können. Niemand konnte das.
Nach außen hin war ich pflegeleicht. Meine Oma musste zufrieden mit mir sein. Und obwohl ich keine Erinnerung an früher hatte, schadete mir das schulisch seltsamerweise nicht.
Schuld daran– wenn man es denn Schuld nennen wollte - waren meine Flüsterbilder. Sie ließen Testfragen vorab in meinen Kopf schlendern, ganz selbstverständlich, ohne weiteres Zutun, ohne weitere Anstrengung meinerseits. Ich wusste immer, auf was ich mich vorbereiten musste.
Aber jede Medaille hat eine Kehrseite, und im Leben bekommt man nichts geschenkt.
Ich hielt mit dem Tuschen inne, als in mir die Erinnerung an andere Botschaften meines Unterbewusstseins aufstieg, denn diese Bilder hatten ihre eigene Qualität -verstörend, manchmal geradezu beängstigend und dabei sonderbar vertraut.
Niemand kannte mein Geheimnis.
Jetzt war ich in der zwölften Klasse und stand kurz vor meinem Abitur. Prüfungsstress pur. Allerdings konnte ich im Prinzip nur noch durchfallen, wenn ich auf alle Arbeiten einen großen Mittelfinger malen würde. Vermutlich würde mir der Direktor selbst dann mildernde Umstände gewähren.
Eine Amnesie hat auch ihre positiven Seiten.
Ich verschraubte die Mascarabürste mit ihrem Behälter und legte sie beiseite. Unverwandt sah ich in meine Augen, studierte ihr Grün, verfolgte die Linien meines Gesichtes, als gehörte das alles nicht mir, als gehörte es einer Fremden. Und irgendwie traf das auch zu.
Ich zog mein T-Shirt von Ed Hardy an, schlüpfte in meine Lieblingsjeans und sprang durchs halbe Zimmer, bis sie oben angekommen war. Nach einem längeren Kampf mit dem Reißverschluss, dem schließlich nichts anderes übrig blieb, als mir zu gehorchen, war meine Hose zu. Jetzt konnte ich auch wieder atmen.
Ein letztes Mal musterte ich mich im Spiegel. Mir blickte eine junge Frau entgegen. Ihrer Figur nach zu urteilen, schien sie viel zu trainieren, hatte aber Rundungen an den Stellen, an denen Rundungen sein sollten.
Ich drehte meinen Hintern zum Spiegel und haute mit der flachen Hand darauf.
Echt knackig - dachte ich zufrieden.
Ich rannte die Treppe hinunter und da stand sie, ganz unbeteiligt und schaute hinaus in den Garten.
Ich mochte unseren Garten. Er war groß und verwildert. Alles, was wachsen wollte, wuchs dort - ganz nach dem Gesetz des Stärkeren. Ich liebte vor allem die Brennnesseln, weil sie im Sommer Horden bunter Schmetterlinge anzogen.
Und Schmetterlinge…, Schmetterlinge waren etwas ganz Besonderes. Ihre Metamorphose von der Raupe über die Puppe bis hin zum Falter faszinierte mich. Ich hatte das Gefühl, mit ihnen auf seltsame Art verbunden zu sein, denn sie lebten nicht nur ein Leben, sondern fingen von vorne an.
Genau wie ich.
Nach dem schweren Unfall.
Vor vier Jahren.
»Lilith«, sagte meine Oma und blickte weiter nach draußen.
»Gerti!«, begrüßte ich sie und bemühte mich, meine Enttäuschung zu verbergen, weil sie mir nicht gleich zum Geburtstag gratulierte. Ich hatte ja nicht viel erwartet, aber eine Blaskapelle zum Beispiel, die happy birthday spielte, wäre meinen Vorstellungen schon entgegengekommen.
Schließlich wird man nicht jeden Tag volljährig.
Doch als ich näher auf sie zuging, merkte ich, dass sie weinte. Sie drehte sich herum, packte mich und drückte mich an sich. »Jetzt ist mein kleines Mädchen plötzlich groß«. In ihrer Stimme schwang sentimentale Wehmut.
Noch bevor ich eine passende Antwort finden konnte, ließ sie mich los und hielt mir eine wunderbar duftende Tasse Kaffee entgegen. Erleichtert nahm ich ihr den Becher mit beiden Händen ab und senkte den Kopf, in der Absicht zu trinken.
»Willst du wirklich zum Training?«, fragte sie. »Du könntest es auch einmal ausfallen lassen. Ich meine, weil du doch Geburtstag hast…«
Ich stutzte. Obwohl sie sich bemühte, beiläufig zu klingen, hörte ich deutlich heraus, wie wichtig es für sie zu sein schien, dass ich gerade heute zuhause blieb. So kannte ich sie nicht. Ganz im Gegenteil - für gewöhnlich ermunterte sie mich, wegzugehen und mich unters Volk zu mischen.
Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, dass sie andere Gründe für ihre Bitte hatte.
Ich blickte zu ihr auf und sah gerade noch, wie ein sonderbarer Ausdruck über ihr Gesicht huschte. Zweifel? Sorge?
Sie fing meinen fragenden Blick auf, ihre Miene veränderte sich, und sie lächelte mich an. »Nicht, dass du deine eigene Party verpasst. Deine Freunde würden sich bedanken, wenn sie mit mir vorlieb nehmen müssten.«
Ich trank meinen Kaffee in großen Schlucken, unsicher, was ich sagen sollte. »Bitte sei nicht böse, Gerti«, druckste ich schließlich herum, »aber meine Taekwondo-Prüfung…«
Ihr Gesicht wurde weich, als sie mich unterbrach: »Ich weiß, ich weiß, deine Prüfung ist in wenigen Tagen.«
Sie nahm mir die inzwischen fast leere Tasse ab, drückte mir stattdessen ein Croissant in die Hand und gab mir einen kleinen Schubs Richtung Flur. »Jetzt geh schon.«
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Hastig zog ich meine Sneakers an, griff nach meiner Sporttasche, riss die Eingangstür auf und wollte los – ich sah sie immer noch dort stehen, wo ich sie verlassen hatte. Eine große Frau mit weißen Haaren, die sie sich selbst schnitt. Trotz ihres Alters trug sie Jeans und ein Sweatshirt. Sie strahlte viel Energie und Kraft aus, wie ein Fels. Mein Fels.
Sie schaute mich jetzt mit diesem leicht melancholischen Ausdruck an.
»Hab’ dich lieb, Gerti!«, rief ich ihr kauend zu.
Sie lächelte zurück. »Weiß ich doch, und jetzt los, mein Findling!«
Mein Findling – sie verriet mir nicht, warum sie mich so nannte. Lediglich der Ansatz eines geheimnisvollen Lächelns huschte stets über ihr Gesicht, wenn ich sie danach fragte. Aber das war mir letztendlich egal, denn ich mochte den Namen. Er gefiel mir, sehr sogar.
Ich schmiss die Tür hinter mir zu, schwang mich auf mein Rennrad und trat kräftig in die Pedale.
Bis zur Innenstadt war es nicht weit. Schnell war ich auf der kleinen Brücke und ließ den Fluss hinter mir, der meinen Vorort vom Zentrum abschnitt. Ich fuhr an schicken Häuserfronten des frühen neunzehnten Jahrhunderts vorbei, mit Jugendstilfassaden, großen langen Sprossenfenstern und kleinen ordentlichen Vorgärten – an Universitätsbauten, vor denen wochentags Trauben von Studenten standen, die irgendwo her kamen und irgendwo hin gingen und bog schließlich zum Sportzentrum ab.
Mindestens zweimal pro Woche kam ich hierher, denn Taekwondo war meine Leidenschaft. Es hatte die körperlichen Auswirkungen meines Unfalls restlos ausradiert.
»Fräulein Stolzen, haben Sie Geduld! Ein dreiwöchiges Koma geht niemals spurlos an einem vorüber…« Meine Ärzte waren gar nicht müde geworden, mir das gebetsmühlenartig in zahl- und sinnlosen Beratungsgesprächen zu erläutern. Aber eines hatten sie mir nicht gesagt. Vermutlich passte es nicht in ihr wissenschaftlich geprägtes Weltbild. Doch das ändert nichts an der Realität. Denn selten, sehr selten, kommt es vor, dass nach einem Koma ganz besondere Spuren zurückbleiben.
Einige wenige bringen aus der Welt an der Schwelle des Todes etwas anderes mit.
Etwas Jenseitiges.
Zu denen gehörte ich.
Ich sperrte mein Rad ab, nahm die Tasche vom Gepäckträger und ging zielstrebig auf das Sportzentrum zu. Ich konnte das Training kaum erwarten.
Fast am Eingang angelangt, glaubte ich, ein leichtes Donnergrollen in weiter Ferne zu vernehmen. Alarmiert stoppte ich und hörte genauer hin. Für meine heutige Party wünschte ich mir perfektes Wetter. Regen konnte ich wirklich nicht gebrauchen.
Mit Besorgnis blickte ich zum Himmel empor, doch alles schien in bester Ordnung. Kein Wölkchen, nur das gewohnte Blau, das mir für meine bevorstehende Feier Entwarnung signalisierte. Vögel zwitscherten, und ein Rabe flog vorbei, dessen nachtschwarze Flügel die Luft um ihn herum schwingen ließen.
Ich atmete auf, doch das Gefühl der Erleichterung verblasste sehr schnell. Es wurde zu einer undeutlichen Erinnerung, als eine andere, weitaus stärkere Empfindung von mir Besitz ergriff. Ich wusste gar nicht, was in mich gefahren war, doch trotz des warmen Wetters fröstelte ich. Auf meinen Armen bildete sich Gänsehaut.
Das Grollen hatte eine dunkle, undefinierbare Gewissheit in mir geweckt, als wollte mich der Himmel vor einer Gefahr warnen.

Ich verharrte, meine Hand am Griff der Eingangstür. Mit gesenktem Kopf lauschte ich, ob sich der Donner wiederholen würde. Doch es blieb ruhig, und mit der Ruhe schwand mein sonderbares Gefühl, in der Falle zu sitzen – ausgeliefert, ohne die geringste Chance zu entrinnen.

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