Lilith. Im Abgrund der Ewigkeit - Leseprobe

Teil I – Die Wüste

Kapitel 1 – Asmodeo




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Asmodeo schlug die Augen auf. Sein Blick fiel auf Johannes. Aus dessen Schusswunde in der Brust sickerte ein Tropfen Blut, rann stetig über den dunklen Stoff des Anzugs und fiel dann geräuschlos in eine Lache auf den Boden. Johannes atmete noch – zwar röchelnd und schwer, aber er lebte.
Lilith! – Asmodeo blickte sich um. Er konnte sie nicht sehen, aber ihre Energie war deutlich zu spüren. Sie befand sich zwar nicht im Raum, jedoch in der Nähe. Vermutlich wartete sie an der Eingangstür auf den Notarzt, den sie sicherlich schon gerufen hatte. Bis dahin galt es, Johannes am Leben zu erhalten. Rettung war unterwegs.
Asmodeo wollte sich erneut Johannes zuwenden, als sich etwas anderes in sein Bewusstsein schlich - zuerst vage, wie eine kaum wahrnehmbare Brise, dann überdeutlich.
Lilith schwebte in Gefahr.
Sie kämpfte um ihr Leben.
Eine zweite Energie tauchte schlagartig wie aus dem Nichts auf. Das reine, das unverfälschte Böse. Es legte sich wie eine Klammer aus Eisen um ihn, ätzte durch jede Pore seine Haut, bis es sein gesamtes Wesen durchdrang. Nur eine bestimmte Dämonin strahlte diese ganz besondere Energie aus. Samael, seine Schwester, bzw. Elisabeth, wie sie sich jetzt nannte.
Lilith kämpfte mit Elisabeth.
Ohne seine Hilfe war Lilith verloren.
Asmodeo bereitete sich innerlich auf die Schmerzen vor und stemmte sich in eine sitzende Position. Er wartete, bis der Schwindel etwas nachließ und stand schließlich vollends auf. Beinahe wäre er wieder gestürzt, als seine Sinne mit Eindrücken von erschreckender Intensität überschwemmt wurden. Er spürte, wie sich die Kraft von Lilith mit Elisabeths Hass verband. Das tödliche Gemisch entlud sich in einer vernichtenden Explosion von Gewalt.
Ein heiseres Stöhnen entfuhr Asmodeos Brust. Beide Hände vor die Augen pressend, schrie er auf, während eine Welle nie gekannter Wut und Hoffnungslosigkeit durch ihn hindurchraste.
Er strauchelte, als er seinen Körper verließ, um sein Bewusstsein unaufhaltsam mit dem von Lilith zu verschmelzen. Er blickte durch ihre Augen, sah Elisabeth zentimeterweit vor ihrem Gesicht, das jetzt auch seines war, hörte die Verwünschungen und den Racheschwur, den seine Schwester ausstieß. Und dann fiel er, dann fiel Lilith, an Elisabeth geklammert vom Dach in die Tiefe, bis sie unbarmherzig auf dem harten Beton aufschlugen.
Er verließ Lilith, kehrte in sich selbst zurück und stand noch immer in der Halle, umgeben von hunderten betäubter Menschen und dem sterbenden Johannes.
Er musste zu Lilith, musste versuchen ihr zu helfen. Und er konnte seinen Freund hier nicht zurücklassen. Seine eigenen Schmerzen ignorierend, packte er Johannes an den Händen und zog ihn rückwärts über die bewegungslosen Leiber in Richtung Ausgang.
Das Saallicht, welches ausgefallen war, flackerte ein paar Mal und kehrte zur normalen Helligkeit zurück.
Die Tür des Lifts stand weit offen. Als sich Asmodeo kurz vor dem Aufzug befand, fing die Fahrstuhlmusik schief und schräg zu spielen an, bis sie schließlich ihre gewohnte Eintönigkeit erreichte. Das Gebäude hatte wieder Strom. Wenn er Glück hatte, nur ein verdammtes Quäntchen Glück, würde der Lift funktionieren.
Asmodeo bugsierte Johannes in die Kabine, lehnte sich selbst gegen die Wand und atmete aus. Erneut konnte er ein langgezogenes Stöhnen nicht unterdrücken. Mit nassen Fingern tastete er über das Bedienfeld, fand den Knopf mit der Aufschrift EG und drückte darauf. Die Feuchtigkeit an seinen Händen war klebrig. Sie hinterließ deutliche Spuren, wo immer er auch hinfasste. Sein Blick fiel darauf. Es handelte sich um Blut. Johannes’ Blut.
Die Tür schloss sich quietschend. Der Aufzug setzte sich in Bewegung. Asmodeos Kopf wurde nach hinten gedrückt, der Schwindel wurde unerträglich. Sein Puls hämmerte in den Ohren – derartig laut, dass er drohte, seinen Verstand zu zerschlagen. Doch Asmodeo klammerte sich mit verzweifelter Kraft an seinem Bewusstsein fest. Er durfte jetzt nicht ohnmächtig werden. Er musste Lilith retten. Er musste Johannes retten.
Er musste…
Der Ruck, mit dem der Aufzug zum Stehen kam, schmiss Asmodeo um. Er landete auf den Knien. Ein glühender Schmerz durchzuckte seine Lunge.
Die Tür vor ihm öffnete sich.
Ein schwacher Rest von Liliths Energie war in seiner Nähe. Es gab keinen Zweifel. Aber auch die böse Aura seiner Schwester Elisabeth, voller Verwesung und Tod, war nicht verschwunden.
Er zwang sich, aufzustehen, ergriff wieder die Arme von Johannes und schleppte ihn weiter – quer durch die Lobby bis zum Hintereingang.
Die Luft draußen war frisch und kühl. Das Atmen fiel Asmodeo ein wenig leichter.
Nicht weit von ihm entfernt lagen die verkrümmten Leiber zweier Frauen auf dem grauen Beton der Straße. Lilith und Elisabeth. Ihre Energien flackerten und waberten wie die Flammen von fast abgebrannten Kerzen.
Ein großer schlanker Mann stand in ihrer direkten Nähe mit dem Rücken zu Asmodeo. In seiner Hand blitzte die lange Klinge eines Messers auf. Gerade beugte er sich zu Lilith herab, und seine Absicht war unmissverständlich: Er wollte ihr die Kehle durchschneiden.
Asmodeo ließ Johannes auf den Boden fallen und griff nach seinem Revolver. Die Waffe kam ihm unglaublich schwer vor. Kaum konnte er sie mit einem Arm heben, geschweige denn, damit zielen. Asmodeo benutzte beide Hände, um sie halbwegs zu stabilisieren. Die Kimme tanzte wie wild vor seinen Augen, schwarze Schlieren verdunkelten seinen Blick.
»Cunningham«, rief er und spannte gleichzeitig den Hahn.
Der Mann drehte sich um – zögernd und stockend, als wäre er unschlüssig, ob er Asmodeos Stimme tatsächlich folgen, oder aber sein Vorhaben, Lilith umzubringen, ausführen sollte. Cunninghams Gesicht war eingefallen. Seine Wangen glühten fiebrig und seine Augen hatten jede Spur von Menschlichkeit verloren. Aus ihnen leuchtete der Wahnsinn.
Beinahe verlor Asmodeo sein Gleichgewicht. Nur unter Aufbietung sämtlicher Willenskraft gelang es ihm, seine Waffe weiterhin auf Cunningham zu richten.
»Ich bringe dieses Monster jetzt um!« Cunninghams Stimme überschlug sich. »Ich mache dem jetzt ein Ende! Hunderte von Jahren, und immer hindert sie uns daran, unser Ziel zu erreichen. Aber jetzt ist Schluss!«
»Mach eine Bewegung und du bist ein toter Mann«, brachte Asmodeo mehr flüsternd zwischen zusammengepressten Zähnen heraus.
Cunninghams Lachen hallte schrill über den Platz. »Du Bastard! Ich bin schneller als du! Diesmal wirst du sie nicht retten!«
Asmodeo antwortete nicht, sondern schwenkte seine Waffe von Cunningham weg und nahm stattdessen Elisabeth ins Visier. Er betätigte den Abzug. Das schwere Geschoss hämmerte dicht neben seiner Schwester in den Beton. Hunderte von Splittern flogen in alle Richtungen.
»Kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn ich in ihren Kopf schieße?«
Cunningham blieb wie angewurzelt stehen. Seine Zungenspitze erschien zwischen den Lippen und bewegte sich von links nach rechts.
»Schmeiß dein Messer weg! Sofort! ….Ich kann die Waffe kaum mehr halten, …und ich schwöre dir: bevor ich die Gewalt über sie verliere, töte ich Samaels Körper!«
Cunningham betrachtete den Dolch in seiner Hand wie eine Art Fremdkörper. Dann hob er seinen Blick: »Ich lasse mein Messer fallen und dafür bekomme ich Elisabeth. Du gibst uns freies Geleit. Das musst du mir garantieren.«
»Los! Haut ab!«
Der Dolch fiel klirrend zu Boden. Cunningham bückte sich, um Elisabeth behutsam in seine Arme zu nehmen. Mühelos hob er sie hoch und bewegte sich langsam auf Asmodeo zu – darauf bedacht, keine abrupten Bewegungen zu machen.
Asmodeo hielt noch immer die Waffe, aber seine Arme waren nach unten gesunken. Er stand breitbeinig und vor Schmerzen gekrümmt da.
»Es ist nicht vorbei«, zischte Cunningham, als er Asmodeo passierte.
Asmodeos Augen blieben ausdruckslos.
»Das nächste Mal wird dich Samael nicht mehr schonen. Sie wird dich unbarmherzig mit ihrer Rache verfolgen und dich restlos vernichten!« Cunningham blieb dicht vor Asmodeo stehen. »Und weißt du was? Ich kann es gar nicht erwarten!«
»Geh, bevor ich es mir anders überlege«, murmelte Asmodeo.
Cunningham presste die Lippen zusammen und trat an Asmodeo vorbei. Bald verklang das Geräusch seiner Schritte.
Erst jetzt verstaute Asmodeo den Revolver im Hosenbund.
Lilith lag auf dem Rücken. Ihre Augen waren fast gebrochen, ihr Körper zerschmettert. In der Hand hielt sie ein diamantenbesetztes Medaillon. Zu seinen Füßen ruhte Johannes. Blutverschmiert und regungslos. Weiter hinten, in der Nähe des McLaren, befand sich Clements Leichnam. Ein kreisrundes Einschussloch markierte dessen Herzgegend.
Der McLaren – er musste Johannes und Lilith zum Auto schaffen.
Und dann? – Dann galt es, schnellstens eine Klinik zu finden. Am besten eine Privatklinik. Für Geld konnte man sich alles kaufen. Und er hatte viel Geld.
Die Ärzte würden Lilith, Johannes und auch ihn versorgen. Er, Asmodeo, würde seine Leute beauftragen, sich um die Leichen von Clement und dem Wissenschaftler aus dem sechsten Stock zu kümmern.
Alles andere hatte Zeit.

Unbeholfen setzte sich Asmodeo in Bewegung.

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