Lilith. Vor der Ewigkeit - Leseprobe

Kapitel 1 – Joseph





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Der Raum war dunkel bis auf die silbrigen Strahlen des Mondes, die wie schwerelos durch das dichte Gitter des einzigen Fensters fielen. Zwei Holzpritschen, nur spärlich mit Stroh bedeckt, standen entlang der Wände, daneben ein Steinbecken, in dem ein Rest Wasser dunkel schimmerte, sowie ein Blecheimer. Die Tür bestand aus dicken, längst farblosen Eichenbohlen, die von massiven Metallscharnieren gehalten wurden.
In der Mitte der Zelle saß ein kräftiger Mann auf einem grob gezimmerten Holzstuhl. Er trug ein verschlissenes Leinenhemd, das über einer löchrigen Hose hing. Vielleicht war sie vor langer Zeit einmal braun gewesen.
Der Mann hielt den Kopf gesenkt. Er schien noch nicht alt – fünfunddreißig, höchstens vierzig. Sein Haar, dicht und lockig, wies vereinzelt graue Strähnen auf, doch seine Figur strahlte Kraft und unbeugsamen Willen aus: breite Schultern, ein untersetzter Körper, kräftiger Knochenbau.
Immer, wenn er sich leicht bewegte, klirrten schwere Ketten, mit denen er an den glatten Steinboden gefesselt war. Breite Eisenbänder lagen festgeschmiedet um seine Handgelenke und Knöchel.
Eine Wolke zog draußen vorbei, verdunkelte kurzzeitig das karge Licht. Die Schatten wurden tiefer, glitten hinüber in die Schwärze der Nacht.
Die Brust des Mannes hob und senkte sich regelmäßig, wie in einem sorglosen Schlaf. Außer dem gelegentlichen Geräusch, das die Kettenglieder verursachten, herrschte eine absolute, fast unirdische Stille.
Ein Rascheln, flüchtig wie ein Wimpernschlag, war zu vernehmen. Nahezu gleichzeitig setzte die Atmung des Mannes aus. Eine seltsame Spannung ergriff seinen Körper.
Nichts.
Erneut dieses Rascheln, diesmal etwas näher.
Ein schweres Gewicht fiel dumpf zu Boden. Schritte folgten. Die Personen, die sich auf der anderen Seite der Tür bewegten, versuchten, sich möglichst leise zu verhalten, aber der Mann in der Zelle konnte sie dennoch hören.
Sie standen jetzt direkt vor seinem Eingang. Ein Schlüssel wurde in die Tür geschoben, und zunächst behutsam, dann heftig hin- und hergedreht, bis das Schloss mit einem protestierenden Laut nachgab und aufschnappte.
Ein einziges Mal ballte der Mann auf dem Stuhl die Hände zu Fäusten, um sie wieder zu öffnen. Sonst rührte er sich keinen Millimeter, hielt den Kopf weiterhin gesenkt – scheinbar gleichgültig gegenüber dem, was sich keine drei Meter von ihm entfernt abspielte.
Ein durchdringendes Quietschen und Knarzen erklang, als die schwere Tür geöffnet wurde. Licht flutete die Zelle. Männer traten herein, stellten sich in einem Halbkreis auf. Ihre Schatten fielen weit in den Kerker. Sie alle trugen schwarze Mäntel, einer von ihnen außerdem eine große, unförmige Tasche. Und sie alle stierten auf den Mann in Ketten, der unbeweglich auf dem Stuhl saß.
Niemand sprach ein Wort. Die Szenerie schien wie eingefroren, außerhalb von Raum und Zeit.
Einer der Eindringlinge räusperte sich verhalten. Er stach unter den Neuankömmlingen hervor: Ein wahrer Muskelberg mit extrem breitem Hals, einem Oberkörper, der an ein Bierfass erinnerte und gigantischen Pranken. Er machte zwei unbeholfene Schritte, bevor er unvermittelt auf die Knie fiel und die Arme wie flehentlich in Richtung des Gefangenen reckte.
»Maître. Joseph«, sagte er.
Der Mann auf dem Stuhl rührte sich zunächst nicht. Dann hob er zeitlupenartig den Kopf. Seine ebenmäßigen, nahezu perfekten Gesichtszüge wurden sichtbar, die selbst der unregelmäßig gestutzte Bart nur teilweise verbarg.
Der Angekettete öffnete die Augen – hellgrau, wie verwittertes Eis. Ein unbezähmbares Feuer, eine wilde Lebensenergie strömte aus ihnen. Er blinzelte, musterte kühl jeden Einzelnen der Männer.
»Maître. Joseph«, wiederholte der vor ihm kniende Riese. »Endlich haben wir Erfolg. Jahrhundertelang haben wir nach dir gesucht.«
Josephs Lippen zuckten in Andeutung eines Lächelns. »Und ich habe auf euch gewartet.« Seine Stimme klang melodisch, überaus sanft. »In diesem Loch.«
»Maître, glaub mir, es ging nicht schneller.«
Joseph antwortete nicht. Stattdessen beobachtete er ohne sichtbare Gefühlsregung, wie einer der Männer die große Tasche öffnete und einen Vorschlaghammer samt Meisel herauszog.
Fordernd streckte Joseph die Arme aus. Seine Ketten wurden ergriffen, der Stößel auf die festgeschmiedeten Nieten gesetzt. Wuchtige Schläge hallten durch den Raum, als die Verbindungen aus den Scharnieren getrieben wurden.
Mit rostigem Stöhnen öffneten sich die Fesseln. Kraftlos fielen sie zu Boden.
Joseph erhob sich. Er war nicht übermäßig groß, aber er hielt sich mit der Würde eines Königs.
»Marius«, sagte er leise zu dem Riesen, »du kniest jetzt lange genug.«
Der Gigant stand auf und wischte sich die Tränen aus den Augen.
»Maître«, stammelte er. »Joseph. Endlich.«
Joseph trat an Marius heran und strich ihm behutsam, wie ungläubig, über das Gesicht. »Wie lange?«
Marius schluckte schwer, bevor er antwortete. »Annähernd zweihundertfünfzig Jahre.«
Joseph nickte nachdenklich. »Und die Welt da draußen?«
»Du kennst doch die Menschen. Das reinste Chaos.« Marius lächelte zaghaft.
Joseph erwiderte das Lächeln. »Natürlich. Wie könnte es auch anders sein.«
Einer der Männer bückte sich, holte einen zusammengelegten schwarzen Mantel aus der Tasche und trat ehrerbietig heran, um das Kleidungsstück Joseph zu präsentieren.
Joseph nickte, und Marius legte ihm den Mantel über die Schultern.
Etwas bewegte sich auf der hinteren Pritsche. Eine von Marius’ Pranken wollte in der Innenseite seines Mantels verschwinden, doch Joseph hielt dessen Arm fest, und als Marius ihn fragend anblickte, schüttelte er den Kopf.
Ein Greis in einer abgetragenen Kutte stand von dem Bett auf und kam in den Lichtkegel, der in die Zelle hereindrang. Eine ausgemergelte Gestalt, das eingefallene Gesicht geprägt von endlosem Wissen.
Joseph wies mit einer höflichen Geste in seine Richtung. »Darf ich vorstellen? Aschaf, ein Magier. Der größte Gelehrte seiner Zeit. Wir teilen uns seit langem die Zelle und das Schicksal. Er hat mir alles beigebracht, was ich noch nicht wusste: über Mathematik, Sprachen, Alchemie, über schwarze und weiße Magie. Und er ist einer von uns.« Joseph seufzte tief. »Er kann auch nicht sterben.«
»Wie oft haben wir uns den Tod in den letzten Jahrhunderten gewünscht!« Die Stimme des Alten erinnerte an grobes Sandpapier.
Joseph betrachtete Aschaf, bevor er wissend nickte. Er hielt Marius die flache Hand als Aufforderung entgegen. »Piaget.«
Marius atmete hörbar ein, langte in seinen Mantel und zog eine mattglänzende Automatikpistole heraus. Behutsam platzierte er die Waffe in Josephs Hand. Der blickte verwundert darauf.
»Piaget ist schon längst gestorben. Seine Waffen gibt es nur noch in Museen«, erklärte Marius. »Die Pistolen, an die du dich erinnerst, hatten einen Schuss. Das, was du jetzt in Händen hältst, ist eine Les Baer. Vierzehn Schuss, Automatik mit Kompensator. Wenn du willst, kann ich dir den Mechanismus erklären.«
Joseph inspizierte die Waffe aus verschiedenen Blickwinkeln. »Nicht nötig.«
Er entriegelte die Sicherung, packte den Schlitten und zog ihn mit einem metallischen Klacken zurück. Fast liebevoll richtete er den Lauf auf den Greis und drückte ab. Einem toten Blatt im Herbstwind gleich, wurde der Alte gegen die Wand geschleudert.
Die Männer verharrten in ihren Bewegungen. Wie hypnotisiert sahen sie auf Joseph, der die Waffe senkte und zu dem leblosen Körper ging. Er bückte sich, langte an den Hals des Alten und ergriff ein ledernes Band. Mit einem Ruck riss er es ab und verstaute den Gegenstand, der daran hing, in seiner Manteltasche.
»Worauf wartet ihr?«, sagte er dabei. »Er hat sich den Tod schon lange gewünscht. Der will nicht wieder aufstehen. Schneidet ihm das Herz heraus.«
Zwei der Männer beeilten sich, den Befehl auszuführen. In ihren Händen blitzten Messer.
Joseph wandte sich ab und begegnete Marius’ forschendem Blick.
»Was ist?«
»Die Wachen«, antwortete Marius. »Der Schuss hat sie sicher alarmiert. Wir werden uns nicht mehr hinausschleichen können.«
Joseph lächelte kalt. »Das hatte ich auch nie vor.«
Wie auf ein geheimes Kommando hin schlugen die Männer ihre Mäntel zurück. Langläufige Waffen wurden sichtbar. Verhalten schimmerte das Licht auf den dunklen Metallteilen.
Die Männer brachten die Gewehre in Anschlag, drehten sich um und verließen nacheinander den Raum. Joseph wollte ihnen folgen, doch Marius hielt ihn zurück. »Einen Moment.«
Draußen erklang ein Schuss, eine wahre Salve folgte. Unaufhörlich ratterten die Detonationen. Danach Stille.
Marius ergriff Josephs Ellenbogen. »Jetzt.«
Joseph warf einen letzten Blick in seinen Kerker, bevor er die Tür durchschritt. Er und Marius gelangten in einen Gang, grob in den Fels gehauen, an den Wänden brennende Fackeln. Dort wurde er von den wartenden Männern umringt und in deren Mitte genommen. Gemeinsam liefen sie vorwärts und stiegen über Leichen, die zwischen verstreuten Waffen zusammengekrümmt am Boden lagen – allesamt bekleidet mit dunkelgrünen Hosen und Jacken. Sie trugen ausnahmslos schwere Stiefel und auf dem Kopf mattgrün lackierte Helme. Joseph konnte ihre Gesichter nicht erkennen. Sie waren hinter einem Visier aus einer Art gefärbtem Glas verborgen. Ganz offensichtlich handelte es sich bei den Toten um Wachen.
Joseph und die Männer kamen an eine Biegung und wandten sich nach rechts. Der Gang, den sie jetzt betraten, sah vollkommen anders aus: Eine riesige Röhre aus Edelmetall. Neonlicht hinter Kunststoffverkleidung. Digitale Sicherungsanzeigen.
Für einen Moment zuckten Josephs Augen ungläubig, dann kehrte der unbewegliche Ausdruck in sein Gesicht zurück.
»Künstliches Licht«, erklärte Marius. »Die Energie wird über viele Kilometer mittels spezieller Metalldrähte hierhergeleitet. Man nennt es Strom.«
Joseph nickte ansatzweise. Während sie weitergingen meinte er: »Ich habe durch das Fenster den Mond und die Gestirne beobachten können.«
»Das waren lediglich Projektionen. Trugbilder, um dich zu verwirren«, erwiderte Marius.
Die Schritte der Männer hallten durch den Flur. Eine Glastür versperrte ihren Weg. Marius verließ seinen Platz an Josephs Seite, schob eine Plastikkarte durch ein Lesegerät, und die Glasscheibe öffnete sich. Eine breite Treppe lag vor ihnen, die Stufen aus grauem Beton. Sie begannen, sie emporzusteigen.
Wie aus dem Nichts erschien ein ganzes Knäuel von Wächtern, die ihnen von oben entgegenstürzten. Erneut krachten die Waffen ohne Unterlass. Mündungsfeuer blitzte sternenförmig. Beißender Pulverdampf stieg auf.
Wieder Ruhe.
Die Männer in den Mänteln zogen die leeren Magazine aus ihren Gewehren und ließen sie achtlos zu Boden fallen. Scheppernd tanzten die Hüllen aus Blech die Stufen herab. Neue Magazine wurden eingelegt, die Waffen schussbereit gemacht.
Joseph hob die Hand und befahl den Männern, stehen zu bleiben. Er löste sich aus der Gruppe und lief bis zum Ende der Treppe hinauf.
Ein Stöhnen war von dort zu vernehmen. Einer der Wachen war noch nicht tot. Blut sickerte aus einer Wunde in seiner Schulter. Unbeholfen versuchte er, fortzukriechen.
Joseph beugte sich nieder, packte den Wächter am Arm und riss ihn grob herum. Der Verletzte schrie vor Schmerz auf. Joseph ergriff dessen Helm mit dem Sichtschutz. Er löste den Kinnriemen und streifte den Kopfschutz mit einer entschiedenen Bewegung ab. Ein junger Mann, Anfang zwanzig, mit militärisch kurzgeschnittenen Haaren, kam darunter zum Vorschein, der ihn angstvoll anstierte.
Joseph holte die Automatik heraus, die ihm Marius gegeben hatte. Er presste die Mündung der Pistole gegen die Stirn des jungen Wächters. Langsam krümmte er den Finger am Abzug. Der Ausdruck seiner grauen Augen wurde hart und erinnerte an Kiesel.
Dann lächelte er.
»Heute«, sagte er mit leiser Stimme zu dem jungen Mann, »wirst du nicht sterben.«
Ein ungläubiges Staunen breitete sich auf den Zügen des Wächters aus.
»Ich lasse dich am Leben«, sprach Joseph weiter. »Geh zu deinen Auftraggebern und sage ihnen, dass Cagliostro, dass Joseph Balsamo, frei ist und kommen wird, um sich an ihnen zu rächen. Nirgends werden sie vor mir sicher sein. Einen nach dem anderen werde ich sie aufspüren, wo immer sie sich verkriechen, und ihnen das zurückzahlen, was sie mir angetan haben.«
Joseph sicherte die Pistole und steckte sie an ihren Platz zurück. Er richtete sich auf.
Marius stand neben ihm, den Kopf demütig gesenkt.
»Ich bin hier fertig«, sagte Joseph.
Die Gruppe setzte ihren Marsch fort. Kurz darauf erreichten sie eine weitere Glastür, und die nächste Treppe führte ins Freie. Sie gelangten auf eine Lichtung, von Wald umgehen, gespenstisch beleuchtet von Scheinwerfern, die im Boden eingelassen waren. Die Ruine eines Klosters ragte drohend vor ihnen auf. Die schwarzen Löcher, die einst Fenster und Türen gewesen waren, starrten unbeweglich auf sie herab.
Ungefähr hundert Schritte entfernt wartete ein Helikopter. Marius deutete einladend in dessen Richtung.
Joseph zog die Augenbrauen hoch.
»Ein Fluggerät«, beeilte sich Marius zu sagen. »Du weißt doch. Eines, wie es Da Vinci beschrieben hat.«
»Und es funktioniert?«
Marius grinste. »Und wie!«
Joseph schenkte ihm ein warmes Lächeln. »Ich muss schon sagen: eine wahrhaft wundervolle Zeit.«

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