Tote Seelen reden nicht - Leseprobe


Prolog

Er hastete durch die Nacht. Nein, eigentlich rannte er – einem gehetzten Tier gleich, das seinem Jäger zu entfliehen versucht.

Seine Kondition war miserabel. Zudem schmerzte sein Körper von dem Taser, mit dem man ihn attackiert hatte. Die eisige Luft biss stechend in seinen Lungen und er spürte kalten Schweiß auf der Stirn. Sein Atem kam mit einem stoßartigen, beinahe schon pfeifenden Geräusch in Form von weißen Dampfwolken, die sich in der Dunkelheit verloren.

Mehrmals drehte er sich um, darauf bedacht, auf der festgetretenen Schneedecke nicht auszurutschen, aber er konnte nichts erkennen.

Vorhin hatte er im Laufen versucht, die Notrufzentrale zu erreichen. Das Telefon war ihm aus der Hand gefallen und es war ihm nicht gelungen, es wiederzufinden – vor allem, weil er es nicht gewagt hatte, längere Zeit stehen zu bleiben.

Er merkte, dass er langsamer wurde und zwang sich dazu, sein Tempo so gut es ging zu steigern.

Mit der Rechten langte er an seinen Kragen, fetzte den obersten Knopf auf, um seinen Hals aus der Enge des schwarzen Hemdes zu befreien.

Wie unpassend – dachte er dabei - ein Priester, der sich fürchtet.

Ganz bewusst hatte er diese Abkürzung gewählt, doch die Nebenstraße war kaum beleuchtet. Aber weiter vorne konnte er eine Laterne ausmachen. Gleich hatte er es geschafft.

Jetzt tauchte sogar ein Passant auf und kam ihm entgegen. Die fürchterliche Angst, die ihn erfüllte, ließ ein wenig nach. Menschen bedeuteten Sicherheit. Licht würde ihn schützen.

Die Person, die sich ihm näherte, schlenderte heran. Dick eingepackt, die Kapuze des Parkas tief ins Gesicht gezogen. Kein Wunder, die Temperaturen lagen deutlich unter dem Gefrierpunkt.

Der Priester sah, wie der unbekannte Spaziergänger keine drei Meter von ihm entfernt strauchelte. Offensichtlich wurde ihm der glatten Untergrund zum Verhängnis. Er drohte zu stürzen. Aus einem Reflex heraus sprang der Priester nach vorne und fing ihn im letzten Moment auf. „Achtung! Es hat gefroren!“, sagte er dabei.

Der Fremde hielt sich am schwarzen Mantel des Priesters fest, bis er das Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Wortlos richtete er sich auf und ging weiter seines Weges.

Der Priester blickte ihm nach und beobachtete, wie der Fremde von der Dunkelheit verschluckt wurde. Dann wandte er sich wieder um und eilte erneut in Richtung der Laterne, deren fahler Schein Rettung versprach.

Mit einem Mal wollte sich sein rechtes Bein nicht mehr bewegen. Ihm kam es vor, als habe es schlagartig jede Kraft verloren. Schwer sackte er auf die Knie, der Schmerz erreichte explosionsartig seinen Unterleib. Mit den behandschuhten Händen griff er sich an den Bauch. Als er sie hob, und damit über sein Gesicht fuhr, fühlte er, dass sie feucht waren. Feucht, warm und klebrig. Sie hatten eine klaffende Wunde berührt.

Hinter sich hörte er Schritte. Allein er hatte nicht mehr die Kraft, den Kopf zu drehen. Eine dünne, kalte Schnur legte sich um seinen Hals. Und dann wurde der Draht festgezogen – unbarmherzig und immer enger. Das Metall schnitt in sein Fleisch, jeder Schrei wurde erstickt. Lediglich ein einzelnes, seltsames Gurgeln entwich seiner Kehle.

Ihm wurde schwindelig, und in einem letzten klaren Moment wusste er, dass er sterben würde. Zahlreiche Todgeweihte hatte er auf ihrem Weg begleitet. Und jetzt, da er selbst an der Reihe war, fiel ihm kein einziges Wort des Trostes, nicht das kleinste Gebet ein. Er würde verenden, wie ein Schlachttier. Einsam und verlassen in der Gosse.

Sein Körper sackte zu Boden. In einem erfolglosen Versuch presste er die Hände an die Kehle. Er konnte das Blut nicht aufhalten, das ihm im Rhythmus seines Herzschlags aus dem Hals pulste.

Sein Angreifer stand über ihm. Er erkannte ihn. Dieser Mensch würde keine Gnade walten lassen.

Die Augen des Priesters begannen zu brechen, das Bild, das er vor sich sah, veränderte sich, und urplötzlich verschwammen die Umrisse des Mörders. Dann setzte eine Helligkeit ein, die das Gesicht, das zu ihm hinunter blickte, überdeutlich erstrahlen ließ. Es wurde plastisch, und er hatte den Eindruck, als würde er nicht in ein, sondern in zwei Gesichter sehen.

Eine Stimme ertönte. Sie sprach langsam und bedächtig. „Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich, in seiner Gnade richte er dich auf.“ Er begriff, dass er selbst es war, der da redete. Doch er lauschte lediglich seinen eigenen Gedanken.

Ein brennender Schmerz bohrte sich durch sein Gehirn, löschte alles aus.

Der Priester war bereits tot, als sein Kopf auf den schneebedeckten Gehweg fiel.

 

1

Ich gab dem Taxifahrer einen Fünfzig-Euro-Schein und er suchte umständlich nach Wechselgeld, um mir herauszugeben. Ich konnte jetzt aber wirklich nicht die Geduld aufbringen, zu warten. „Passt so“, sagte ich, öffnete die Tür und stieg aus dem Wagen.

Draußen erwartete mich eine schneidende Kälte. Die Temperatur war deutlich unter den Nullpunkt gesunken, mein Körper durch das lange Sitzen im Auto ausgekühlt. Die Tatsache, dass ich zu wenig geschlafen hatte, machte es auch nicht gerade besser. Ich fror.

Keine fünfzig Schritte entfernt beleuchteten leistungsstarke Scheinwerfer eine mir allzu vertraute Szenerie: Zwei Polizeiautos, ein Zivilfahrzeug, ein Krankenwagen. Leute von der Spurensuche bei der Arbeit. Weiter hinten eine Bahre, auf der ein mit Plastikfolie abgedeckter Körper lag.

Daneben stand ein großer, schlanker Mann, die Hände tief in den Manteltaschen, und beobachtete sein Team bei der Arbeit. Jetzt drehte er sich zu mir um, hob einen Arm, um mir zuzuwinken.

Ich folgte seiner Aufforderung und ging zu ihm hinüber.

„Dass Frauen immer Stunden brauchen, bis sie zu einem Date kommen.“

„Ein Date früh um vier?“, entgegnete ich. „Und auch noch mit deiner Wenigkeit? …Vergiss es, Ralf.“

Mein Sarkasmus perlte an ihm ab. „Leider konnte ich mir die Uhrzeit nicht aussuchen. Mörder halten sich nicht an geregelte Tagesabläufe, wie du dich vielleicht erinnerst.“

„Vage, ganz vage“, sagte ich.

„Aber inzwischen bist du wach.“ Ralf hielt mir eine Schachtel Marlboro hin, und fast war ich versucht, mir eine zu nehmen.

„Nein, danke. Ich habe aufgehört.“

„Schon wieder?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Diesmal werde ich sicher nicht rückfällig.“ Ich deutete in Richtung der Scheinwerfer: „Was ist da los?“

Widerwillig steckte Ralf die Zigaretten in seine Tasche zurück, seufzte leicht enttäuscht und meinte: „Ich habe gedacht, ich rufe dich gleich an.“

„Brauchst du jetzt bei jedem Mordfall meine Hilfe? So ein mieser Ermittler bist du auch wieder nicht.“

Ralf verzog das Gesicht. „Sehr lustig. Wirklich. Grandios. …Ich hole dich nur, weil es sich bei dem Toten um einen Priester handelt. Nicht, dass ich deine Unterstützung wirklich bräuchte, aber du wirst dich über kurz oder lang sowieso einmischen, und dann ist es für uns beide bequemer, wenn du gleich mit von der Partie bist.“

Ich verschränkte die Arme vor der Brust, um mich gegen die Kälte zu schützen. „Ein Priester, hast du gesagt?“

Ralf öffnete umständlich seinen Mantel, langte in die Innentasche und förderte einen nagelneu wirkenden Notizblock ohne jegliche Gebrauchsspuren zutage. Er schlug ihn auf, drehte sich so, dass das Licht der Scheinwerfer auf das Papier fiel und las mir vor: „Pfarrer Sebastian Kupfer. Zweiundsechzig Jahre alt. Von einer hiesigen Gemeinde. Todeszeitpunkt vermutlich gegen elf Uhr nachts. Gefunden von einem Pärchen, dass diese dunkle Seitenstraße als Abkürzung benutzte, um schneller nach Hause zu kommen. … Na ja, daraus wurde wohl nichts.“ Ralf klappte den Block zu. „Mehr Infos habe ich noch nicht.“

Ohne weiter auf ihn zu achten, ging ich näher an das Absperrband heran. Ralf folgte mir und wir sahen beide hinüber zu der Bahre, die gerade abtransportiert wurde. Die Beamten von der Spurensicherung waren damit beschäftigt, ihre Utensilien zusammenzupacken. Mitten auf dem festgetrampelten Schnee glänzte eine rötliche, unregelmäßige Fläche. Das Opfer hatte jede Menge Blut verloren.

„Hat man ihm die Kehle durchgeschnitten?“, fragte ich.

Ralf schüttelte den Kopf. „War auch mein erster Gedanke. Aber der Mediziner tippt auf eine Art Drahtschlinge. Und zuvor hat man ihm einen spitzen Gegenstand - wahrscheinlich ein Stilett oder einen Eispickel - in den Unterleib gerammt.“

„Das sieht nach der Handschrift eines Profis aus“, sagte ich, um nach einer Weile hinzuzufügen: „Ein fürchterlicher Tod.“

Ralf schnaubte verächtlich. „Kennst du eine Todesart, die angenehm ist? Ich nicht. …Sie bringen das Opfer jetzt in die Pathologie. Sobald die Ergebnisse vorliegen, werde ich dich informieren.“

„Hast du Weihnachtsgefühle?“

„Warum?“

„Weil du plötzlich so ungewohnt zuvorkommend bist.“

Ralf blickte auf seine Schuhe. „Eure Hilfe beim letzten Fall hat meiner Karriere nicht gerade geschadet.“

„Ach. Dennoch haben sie dich noch immer nicht befördert?“

„Na, du weißt doch, wie das beim Staat ist. Beamte brauchen Glück und einen langen Atem, um die Karriereleiter hinaufzuklettern.“

Die Bahre mit dem Toten wurde an uns vorbeigeschoben und wieder abgestellt. Der Arzt wartete mit einem Polizisten auf den Krankenwagen, der rückwärts heranrollte. Ich vermied es, auf die abgedeckte Leiche zu blicken.

„Wo ist übrigens deine bessere Hälfte?“, fragte Ralf.

„Paul?“

„Ja. Du wirst es mir vielleicht nicht glauben, aber ich finde ihn irgendwie sympathisch. Er fehlt mir richtig.“

„Nicht nur dir“, antwortete ich, ohne groß darüber nachzudenken, was ich da sagte.

„Das klingt, als gäbe es Streit in eurem kleinen Paradies?“ Ralf versuchte spöttisch zu klingen, aber in seiner Stimme entdeckte ich doch so etwas wie richtige Anteilnahme.

Meine Erwiderung fiel knapp aus. „Er hat sich eine Auszeit genommen.“

„Das verstehe ich. Es dauert, bis man sich an unseren Job gewöhnt. …Willst du noch einen Blick auf das Opfer werfen?“

„Das kann ich in der Pathologie immer noch. Dort ist es nicht so kalt“, log ich. In Wirklichkeit hatte ich Angst. Schreckliche Angst, die Plane hochzuheben und in die gebrochenen Augen eines toten Priesters zu blicken. Eine irrationale und unerklärliche Furcht erfüllte mich, als ob Paul dort leblos unter dem Plastik liegen würde.

Ich schauderte.

 

 

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