Und nachts träumt der Tod - Leseprobe

1

Er wachte auf und war blind.
Formloses Schwarz ohne die Andeutung von Helligkeit.
Der Boden unter ihm bewegte sich, rüttelte ihn kräftig durch. Eine harte, kalte Fläche, auf der er lag – unpersönlich und fremd, wie alles um ihn herum.
Ein monotones Brummen drang in seinen Kopf, und der Schmerz, der damit einherging, erstickte alle Gedanken.
Er wurde hin und her geworfen. Es roch unangenehm. Nach verschmortem Plastik und altem Öl.
Ein Quietschen, und die Bewegung stoppte mit einem Ruck. Er rutschte nach vorn, bis seine Schulter gegen einen harten Widerstand prallte.
Stille.
Wo war er nur?
Panik stieg in ihm auf – heiß und fiebrig.
Du musst dich beruhigen, dachte er. Reiß dich zusammen! Erinnere dich!
Bilder von Flammen. Rotglühend. Ein Brand? Hatte er einen Brand überlebt?
Nein, es war etwas Angenehmes gewesen. Das Feuer in einem offenen Kamin.
Dann die Fahrt in einem Taxi. Entspannt und müde. Die Art von Müdigkeit, die man am Ende eines guten Tages empfindet.
Er hatte gezahlt und war ausgestiegen. Im Eingangsbereich seines Wohnhauses hatte er den vollen Briefkasten bemerkt. Er hatte sich ihm zugewandt, in der Absicht, ihn zu leeren.
Und danach … Filmriss.
Oder doch nicht?
Verzweifelt versuchte er, die Bilder festzuhalten, die vor seinem inneren Auge dahinrauschten. Gefühle, ein besonderer Geschmack auf seiner Zunge.
Metallisch.
Zuvor ein beißender Stich im Nackenbereich. Vielleicht ein Insekt?
Niemals – kein Tier, das er kannte, verursachte eine derartige Pein.
Langsam, wie Wassertropfen, die sich in einem leeren Becken sammeln, drang die Gewissheit zu ihm: Jemand hatte ihm eine Spritze in den Hals gerammt. Er war betäubt worden, man hatte ihm einen dunklen Stoffsack über den Kopf gestülpt und ihn in ein Fahrzeug geschleift. Womöglich lag er in einem Kofferraum, oder auf der Ladefläche eines Vans.
Die Wirkung des Narkotikums ließ allmählich nach.
Türen wurden geöffnet und krachend zugeworfen. Schritte. Ein eiserner Riegel knackte, gefolgt von einem saugenden Geräusch: Eine Heckklappe hob sich.
Er wollte sich aufrichten, um zu entkommen. Fliehen.
Hände packten ihn an den Oberarmen und zerrten an ihm. Seine Beine fielen kraftlos nach unten, und er spürte, wie seine Knie auf Stein schlugen.
Er versuchte zu schreien, doch alles, was ihm gelang, war ein erbärmliches Wimmern. Er vermochte nicht, den Mund zu öffnen. Ein starkes Klebeband verhinderte es.
Er wurde in einem eisernen Griff gehalten und unbarmherzig weiter geschleppt. Zwei Personen – eine links, eine rechts.
Seine Beine schrammten über den harten Untergrund. Instinktiv bemühte er sich, zu laufen. Aber er hatte keine Gewalt über seine Muskeln.
Mehrere Stufen, gegen die seine Schuhspitzen stießen. Erneut ein ebener Boden.
Die Personen, die ihn trugen, hielten an. Er wurde hochgehoben und auf einen Stuhl gesetzt, seine Arme mit dünnen Riemen an den Lehnen festgebunden.
Jemand riss ihm den schwarzen Sack vom Kopf. Hitze. Schlagartig brannte die Haut in seinem Gesicht, und Dunkelheit wurde durch schneidendes Licht ersetzt. Er kniff die Augen zusammen. Ein starker Scheinwerfer war auf ihn gerichtet.
Langsam vermochte er, die Umgebung wahrzunehmen: Ein großer Raum – rundum mit einem glänzenden Material bedeckt. Plastikfolie. Unten, oben, an den Seiten. Überall.
Ungefähr zehn Schritte vor ihm ein Tisch aus Holz, auf dem eine Leiche mit breiten Bändern festgeschnallt war. Die Leiche einer Frau.
Wo war er nur gelandet?
Eine Obduktion. Selbstverständlich, er wohnte einer Obduktion bei. Deshalb standen hinter dem Tisch auch drei Personen – offensichtlich die Ärzte. Grüne Kittel, blitzendes medizinisches Besteck in den Händen.
Alles passte zusammen. Nur … irgendetwas stimmte nicht, und er war unfähig, es zu benennen. Er konnte seinen Finger nicht darauf legen, und doch war er sich ganz sicher, dass ein wichtiges Detail fehlte. Aber welches?
Er schüttelte mehrmals den Kopf, um die Benommenheit zu vertreiben und betrachtete die Ärzte genauer. Er kämpfte verbissen darum, jede Einzelheit zu erkennen.
Ein kalter, zugleich feuriger Blitz fuhr in seine Brust und klammerte sich an sein Herz. Die Menschen, die sich um die Leiche gruppiert hatten, besaßen keine Gesichter. Dort, wo sie hätten sein müssen, befanden sich lediglich formlose, braune Flecken.
Eine Stimme drang zu ihm. Die Akustik in dem Raum war miserabel, vielleicht kam der Klang von vorne oder auch von der Seite. Es war ihm unmöglich, das zu bestimmen.
Vielleicht spielte sich das alles auch nur in seinem Kopf ab. Ein Horrortrip infolge der Droge, die man ihm verabreicht hatte.
„Endlich wach, Herr Wagner?“
Er wollte antworten, aber das starke Klebeband über seinem Mund ließ es nicht zu.
Jemand beugte sich von hinten über ihn, fingerte an seiner Wange herum und fetzte den Streifen mit einer einzigen Bewegung ab. Das schmerzte. Aber es machte ihn auch wacher.
„Sie waren zu neugierig.“ Der Mann, der mit ihm sprach, hatte eine alles beherrschende Stimme, die keinen Widerspruch duldete.
„Sie wollten ja unbedingt wissen, was wir tun.“ Eine dramatische Pause. „Deshalb haben wir Sie mit viel Mühe zu uns gebracht, damit wir Ihnen genau das zeigen können.“
Der Gesichtslose in der Mitte hob die Hand, und Paul konnte sehen, dass er einen Akkuschrauber hielt. Ein billiges Ding, wie es sie in jedem Baumarkt gibt. Lediglich der darin eingespannte Bohrer war außergewöhnlich. Sicher dreißig, vierzig Zentimeter lang.
Wozu braucht man sowas?, fragte sich Paul. Um ein Loch in die Wand zu bohren?
„Sieh gut her“, sagte die Stimme. „Wenn du nicht aufhörst uns nachzustellen, hängen wir dir das an. Und dann bringen wir alle um, die dir am Herzen liegen. Einen nach dem anderen – auf die gleiche Weise.“
Der Elektromotor des Schraubers begann zu surren. Ohne jede Vorwarnung setzte der Gesichtslose die Spitze des Bohrers auf die Schulter der Toten, die vor ihm auf dem Tisch lag. Mit einem lauten, leiernden Geräusch drang das Werkzeug in das Fleisch ein.
Paul versuchte wegzusehen, um nicht verfolgen zu müssen, wie dieser Wahnsinnige die Leiche schändete. Aber sein Blick haftete wie hypnotisiert auf dem Geschehen.
Der Mann zog den Bohrer aus dem Körper der toten Frau. Blut tropfte von dem Werkzeug.
Auch auf dem Tisch breitete sich jetzt eine dunkle, rote Lache aus. Zuerst klein, dann immer größer.
Das ist unmöglich, dachte Paul. Leichen bluten nicht.
Einer der anderen Ärzte langte nach vorn. Er zog der Toten ein Klebeband vom Mund und löste auch den Gurt, der den Kopf fixierte.
Schrilles Kreischen erfüllte den Raum. Unmenschlich.
Es dauerte lange, bis Paul begriff, dass es sich um Schreie handelte. Die festgeschnallte Frau auf dem Tisch war alles andere als tot.
Der Arzt von vorhin griff sich eine elektrische Kreissäge und stellte sie an.
Paul wusste, was jetzt geschehen würde. Aber das war nicht das Schlimmste. Inzwischen hatte das Opfer sein Gesicht zu ihm gedreht. Und er erkannte die Frau: Sabine, die er so lange betreut hatte. In der Villa, dem Haus für Sektenaussteiger.
Ständig hatte sie davon geredet, in Lebensgefahr zu schweben. Und er, Paul, hatte ihr nicht wirklich geglaubt. Deshalb würde sie jetzt sterben. Es war alles seine Schuld.
Der Mann hob die Kreissäge in die Höhe, als wollte er damit winken. Dann senkte er sie, und begann.

2



Der Motor meines Golfs röhrte auf. Trotzdem schaltete ich einen Gang herunter und beschleunigte. Erlaubte Höchstgeschwindigkeit: siebzig Stundenkilometer. Ich war bereits auf einhundertzwanzig.
Ich gelangte an eine Kreuzung. Von rechts näherte sich ein Auto. Ich beachtete es nicht weiter, sondern nahm ihm die Vorfahrt. Der Fahrer hupte, während er seinen Wagen gerade noch rechtzeitig stoppte.
Die Landstraße vor mir war frei, umsäumt von Feldern. Der Raps leuchtete gelb in der Morgensonne, aber das registrierte ich kaum.
Ich rauschte um eine Biegung. Endlich konnte ich den Fluss sehen und weiter vorn die Brücke. Polizeiwagen standen dort, ihr Blaulicht eingeschaltet. Auch ein Sanitätsfahrzeug befand sich darunter.
Ich drückte das Gaspedal bis aufs Bodenblech durch, wieder protestierte der Motor. Nur noch hundert Meter von den Fahrzeugen entfernt, stieg ich mit voller Kraft auf die Bremse. Ein grelles Kreischen, der Golf brach seitlich aus. Ich lenkte dagegen und brachte den Wagen mitten auf der Fahrbahn zum Stehen.
Ich stieß die Tür bei laufendem Motor auf, löste den Sicherheitsgurt und sprang hinaus.
Ich rannte los – auf eine Gruppe von Menschen zu. Weißgekleidete Sanitäter, ohne Beschäftigung, die Hände in den Hosentaschen. Polizisten, die ebenfalls warteten.
Kein akuter Notfall, der schnelles Handeln erforderlich machte. Das Opfer war tot. Ganz bestimmt.
Die Polizisten drehten sich in meine Richtung und sahen mir entgegen. Sie gestikulierten und riefen etwas, was ich nicht verstand.
Inzwischen hatte ich sie erreicht. Sie wollten mich aufhalten.
Dem Ersten von ihnen konnte ich noch ausweichen. Doch dann wurde ich gepackt. Ich riss mich frei, aber nur kurz.
»Lasst mich los!«, schrie ich.
Als Reaktion verstärkten sie ihren Griff.
»Ich will durch! Ich muss zu ihm!« Meine Stimme versagte.
»Anne!«, hörte ich jemanden rufen.
Ruckartig blickte ich mich um. Ralf kam geduckt die Böschung heraufgelaufen, die zum Flussufer führte.
»Anne!«, wiederholte er kurzatmig, als er uns erreicht hatte. »Hör auf!«
Ich versuchte, mich aus der Umklammerung der Polizisten zu lösen. »Nein!« Ich bekam einen Arm frei und schlug um mich. Meine Faust traf Ralf seitlich im Gesicht. Er stolperte einen Schritt zurück, bevor er erneut vortrat und mir den Weg versperrte.
»Er ist nicht tot«, sagte er.
»Du lügst!« All meine Kraft brach zusammen. »Die Sanis haben nichts zu tun. Wenn er noch leben würde, würden sie sich um ihn kümmern!«
Ralf drückte sich eine Hand gegen die Wange – dort, wo mein verunglückter Kinnhaken gelandet war. »Die stehen nur deshalb dumm herum, weil der Notarzt mit einem eigenen Team gekommen ist.« Er deutete die Straße hinunter. Ich folgte seiner Bewegung mit den Augen und entdeckte einen weißen Pkw mit der entsprechenden Aufschrift. In meiner Panik war er mir zuvor nicht aufgefallen. Leise Hoffnung keimte in mir auf. Vielleicht sagte Ralf wirklich die Wahrheit.
Ich wandte mich ihm wieder zu, und er nickte, als wollte er meine Gedanken bestätigen. »Er ist halb bei Bewusstsein. Wenn du mir versprichst, dass du dich benimmst, kannst du mich zu ihm begleiten. Also, was ist?«
Ich holte mehrmals Luft. »Klar«, sagte ich schließlich, darum bemüht, ruhig zu klingen.
»Wirklich?«, vergewisserte er sich, während er mich eingehend musterte. »Ich kann jetzt keine durchgeknallte Wilde da unten gebrauchen.«
Erneut atmete ich tief ein. »Ich verspreche dir, ich mache keinen Ärger.«
»Du hast dich wieder unter Kontrolle?«
»Vollkommen.«
Mein erzwungenes Lächeln überzeugte ihn nicht. Unschlüssig verharrte er für einen Moment – es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Doch schließlich sagte er an seine Leute gerichtet: »In Ordnung. Ihr könnt sie loslassen.«
Die Beamten gaben mich frei.
»Komm mit.« Er drehte sich um, und ging voran.
Ich beeilte mich, neben ihn zu gelangen. Gemeinsam stiegen wir die Böschung hinunter und erreichten einen naturbelassenen Weg, der sich am Ufer des Flusses entlangschlängelte.
Unter den grauen Betonträgern der Brücke stand eine Trage, auf der ein Mensch lag. Eine Frau, offenbar die Notärztin, beugte sich über ihn. Soviel ich erkennen konnte, waren zwei Sanitäter gerade dabei, eine Infusion vorzubereiten.
»Ein Jogger«, begann Ralf, ohne mich anzusehen. »Einer von dieser übereifrigen Sorte, die früh um fünf unterwegs sind. Er hat eine Leiche gefunden. Oder das, was er für eine Leiche hielt. Er hat uns übers Handy informiert, die Beschreibung passte. Meine diensthabenden Kollegen haben mich sofort angerufen, und ich kam nur wenige Minuten nach der Notärztin an.«
Die Medizinerin richtete sich auf und gab einige Anweisungen an die Sanitäter, bevor sie sich zu uns umdrehte.
Wir gingen zu ihr, wobei ich mich kaum zurückhalten konnte, an ihr vorbei zur Trage zu stürmen.
Ralf, der mein Gefühlschaos allem Anschein nach bemerkt hatte, drückte mir kurz die Hand, während er die Ärztin gleichzeitig fragte: »Wie geht es ihm?«
Die Medizinerin, eine Frau um die vierzig, lächelte ein professionelles Lächeln. »Das war äußerst knapp. Das Opfer ist – wie es scheint – mehrmals narkotisiert worden. In kurzen Zeitabständen. Ich habe frische Einstiche am Hals gefunden. Ein Wunder, dass er die Überdosis verkraftet hat.«
»Aber ihm droht doch keine Gefahr mehr?«, erkundigte sich Ralf.
Die Ärztin zuckte mit den Schultern. »Das kann ich noch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit beantworten. Fürs Erste ist er aber stabilisiert. Wir bringen ihn jetzt ins Klinikum. Und dann sehen wir weiter.«
»Kann ich mit ihm reden?«, bat ich.
Der Blick, den die Ärztin mir zuwarf, verriet nichts von den Gefühlen, die sie selbst vielleicht hatte. »Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen. Doch erwarten Sie nicht zu viel.«
»Warum?«, fragte Ralf.
»Er hat so viele Drogen intus, dass er stark halluziniert. Er war nicht in der Lage, mir seinen Namen zu nennen, noch kannte er das Datum oder die Jahreszeit. Aber Sie können es natürlich gerne probieren.«
Sie trat einen Schritt zur Seite, und ich zwängte mich zwischen ihr und Ralf hindurch. Tränen traten mir in die Augen, als ich Paul auf der Trage vor mir sah: Der Anzug zerrissen, das Hemd blutgetränkt. Sein Gesicht war kaum wiederzuerkennen – aufgeschwollen und voller Wunden.
Erst jetzt bemerkte ich, dass die Ärztin mittlerweile dicht neben mir stand. »Das meiste Blut, das Sie sehen, dürfte nicht von ihm stammen«, erklärte sie mir. »Seine Verletzungen sind eher oberflächlich.«
Ich beugte mich über ihn, strich ihm behutsam das verklebte Haar aus der Stirn. »Paul«, sagte ich.
Seine Augen waren verdreht und nur halb geöffnet.
»Paul«, wiederholte ich, diesmal drängender.
Die Muskeln an seinem Mund begannen zu zucken. Er stöhnte, seine Lider flackerten, und er versuchte zu sprechen: »Anne«, hörte ich.
»Ich bin hier.« Ich beugte mich noch weiter zu ihm herab.
»Sie ist…«, setzte er an.
»Sie ist…«, wiederholte ich.
Paul zitterte. Ich fühlte seine Anstrengung, wie er kämpfte. Dann stieß er ein einziges Wort heraus. »Tot.«


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