Zwei Wünsche zu Weihnachten - Leseprobe

Die Gipfel sahen aus, als hätte sie ein Riese mit einer dicken Schicht Zuckerglasur überzogen. Die Sterne funkelten an einem nachtblauen Himmel und ließen den Schnee glitzern. Inmitten der winterlichen Idylle stand eine Almhütte. Ihre Fenster waren hell erleuchtet.

Vor dem Haus befand sich ein imposanter Tannenbaum, mit unzähligen Lichtern und Weihnachtskugeln geschmückt. Rehe und Hirsche umringten ihn und fraßen aus einem wohlgefüllten Futtertrog.

Weiter unten im Tal zuckelte eine altertümliche Eisenbahn vorbei. Sie wurde von einer Dampflok gezogen. Dichter weißer Rauch, der Wattebäuschchen ähnelte, drang aus ihrem Schornstein. Ich konnte förmlich das Rattern des Zuges und das rhythmische Geräusch hören, das die Lok während ihrer Fahrt unablässig produzierte. Es glich einem Zischen.

Das Zischen wurde lauter…

Fast gegen meinen Willen löste ich den Blick vom Reiseprospekt, der vor mir auf dem Tisch lag. Wieder hörte ich das Zischen. Ich brauchte nicht lange, um dessen Ursache zu finden. Es handelte sich um unseren alten Heizkörper aus Gusseisen, der unser Wohnzimmer dominierte. Er war undicht und hatte deshalb stets zu wenig Wasser. Das veranlasste ihn, mehrmals am Tag laut zu prusten und zu rumoren. Man konnte fast meinen, er sei lebendig.

Ich blickte zum Fenster. Meine Tochter Nora und ich hatten am vergangenen Wochenende einige selbstgebastelte Strohsterne auf die Scheiben geklebt. Wir hatten dabei viel gelacht und gemeinsam einen Pfefferminztee getrunken. Aber der Weihnachtsschmuck half nicht viel. Die Verglasung war zu dünn, der Rahmen alt, sein Lack brüchig. Wenn nicht gerade Eisblumen am Fenster blühten, war die Scheibe im Winter oftmals in der unteren Hälfte beschlagen und sah schäbig und heruntergekommen aus – wie alles in unserer Wohnung.

Ich seufzte. Obwohl ich manchmal das Gefühl hatte, mir die Finger blutig zu tippen, reichte mein Gehalt als Rechtsanwaltsgehilfin für Nora und mich hinten und vorne nicht aus. Da halfen auch Überstunden nicht viel.

In diesem Dezember war es besonders schlimm. Jede Menge Rechnungen lagen säuberlich geordnet und gebündelt vor mir. Links der Haufen mit den mehr oder weniger freundlich formulierten Mahnungen und rechts der Stoß mit den normalen Zahlungsaufforderungen, die noch ein wenig warten konnten. Ich schob alle Papiere unter den Reiseprospekt. Damit waren sie zumindest aus den Augen, wenn auch nicht aus dem Sinn.

Die Tür zum Flur öffnete sich und Nora spitzte herein. „Alles in Ordnung, Mama?“, fragte sie. Sie hatte Schwierigkeiten, in ihre Winterjacke zu kommen. Das war auch kein Wunder. Der Parka war ihr mittlerweile zu klein geworden.

Ich zwang mich zu einem Lächeln. „Klar, meine Süße. Alles ok.“

Noras dunkle Augen ruhten einige Zeit forschend auf mir. Sie war blitzgescheit und glaubte mir mit ihren acht Jahren längst nicht mehr alles.

„Hast du deine Ausrüstung?“, lenkte ich ab.

Nora hob ihre Hand. An zwei langen Schnürsenkeln hingen ihre Schlittschuhe, die ich ihr im Sommer auf dem Flohmarkt gekauft hatte.

„Brauchst du Geld?“

Nora schüttelte ihren Kopf. „Nein. Emmas Eltern haben extra gesagt, dass ich nur meine Schlittschuhe mitnehmen soll.“

„Und ich soll dir nichts zum Essen einpacken?“

„Aber Mama, du weißt doch. Ich gehe jetzt erst einmal zu Emma. Dort spielen wir. Sie hat eine tolle Wii. Dann gibt es Mittagessen und danach kommt ihr Papa von der Arbeit eher nach Hause und wir fahren alle zum Schlittschuhlaufen ins Eisstadion.“

Ich zwang mich erneut zu einem Lächeln. „Das klingt wie ein super erster Ferientag.“

„Willst du nicht doch mitkommen? Emmas Eltern haben gesagt, das wäre ok.“

„Ich würde liebend gern mitfahren, aber ich habe noch einiges zu erledigen. Morgen ist Weihnachten“, sagte ich. Außerdem besaß ich keine Schlittschuhe und hätte mir den Eintritt ins Stadion beim besten Willen nicht leisten können.

„Ok, ich bin dann mal weg!“ Nora drehte sich um und machte Anstalten, zu gehen. Dann hielt sie an und kam zu mir zurück. „Kann ich dir das geben, Mama?“, sagte sie und zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus ihrer Tasche. Als sie meinen fragenden Blick sah, meinte sie achselzuckend: „Mein Wunschzettel.“

Ich nahm ihr den Zettel aus der Hand und legte ihn auf den Reiseprospekt.

„Ich hab mir eine Wii gewünscht. Wie Emma sie hat. Dann können wir zusammen spielen, du und ich. Du wirst sehen, das ist wirklich klasse.“

Leider wusste ich, was so eine Wii kostete. Und dass ich niemals das Geld dafür aufbringen würde. Trotzdem zog ich wie verwundert meine Augenbrauen hoch, tippte mit dem Zeigefinger auf den Wunschzettel und meinte: „Na, wir werden mal sehen.“

Nora drückte mir flugs einen Kuss auf die Backe, zog ihre Jacke, die ihr über die Hüften nach oben gerutscht war, resolut nach unten und winkte mir noch einmal zu, bevor sie mich verließ. Die Tür zu unserer Wohnung fiel laut ins Schloss. Eine Zeitlang hörte ich noch ihre Schritte auf der Treppe. Dann war alles still.

Es blieb mir nichts anderes übrig. Ich war vollkommen pleite.

Vor einigen Jahren war ich ganz gut im Klauen von Brieftaschen gewesen. Seitdem Nora auf die Welt gekommen war, hatte ich im wahrsten Sinne des Wortes die Finger davon gelassen. Aber solche Fertigkeiten verlernt man ebenso wenig, wie Fahrradfahren. Und heute würde ich mir das Geld beschaffen, das ich brauchte. Das Geld für die Rechnungen, das Geld für Noras Weihnachtswunsch, und das arme kleine Ding brauchte auch dringend eine neue Winterjacke.

Ich stand auf.

Alles, was uns fehlte, waren vier, fünf fette Brieftaschen und die Sache war erledigt.

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